Birgit Jooss über die „Hälfte eines Diptychons“ (II)

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Böhler, der das Relief für 1.176.- Reichsmark erworben hatte, konnte es gut zwei Jahre später, am 28. Februar 1937, weiterverkaufen. Fräulein Niehues aus Nordhorn erwarb den Teil des Diptychons für 1.800.- Reichsmark. Vermutlich handelte es sich um eine der vier Töchter des Nordhorner Unternehmers Bernhard Niehues (1868–1950), der 1897 das Textilunternehmen „Niehues & Dütting“ gegründet hatte. Dieses wurde später in „NINO“ umbenannt und existiert bis heute. Jahrzehntelang gehörte es zu den zehn größten Textilunternehmen in Deutschland.

Bevor Böhler das Objekt an Fräulein Niehues verkaufte, hatte er bereits dreimal vergeblich versucht, es für eine höhere Summe zu veräußern: an Brügelmann (Köln), Steinmeyer (Berlin) und Homburger (Marburg). Während er es Letzterem am 21. November 1936 noch für 3.500.- Reichsmark offerierte (fast die dreifache Ankaufssumme), bot er es nur wenig später für etwa die Hälfte Fräulein Niehues an, die es schließlich kaufte (Abb. 5). So ging das Geschäft schlechter aus, als Böhler es erhofft hatte.

Wo sich das Elfenbeinrelief heute befindet, ist unbekannt. Vergleichsobjekte sind selten und befinden sich in bedeutenden Museen weltweit (Louvre Paris, Walters Art Museum Baltimore, Ashmolean Museum Oxford). Für unser Relief existiert seit 2005 unter der ID 308618 eine Suchmeldung im offiziellen Register www.lostart.de (Abb. 6). Dort werden Kulturgüter verzeichnet, die öffentlichen Einrichtungen oder privaten Personen und Institutionen infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkrieges verloren gingen. Als Ansprechpartner wird in der Datenbank die Kanzlei „Utopia Law Firm“ genannt, die die Erben von Rosa (1877 –1943) und Jacob Oppenheimer (gest. 1941) vertritt. Sie hatten den Margraf-Konzern geerbt, nachdem der Geschäftsinhaber Albert Loeske 1929 verstorben war. Bereits Ende März 1933 waren sie nach Frankreich geflohen, von wo sie keinen Zugriff mehr auf ihre Firmenkonten oder Verkaufserlöse hatten. Ihr Schwiegersohn Ivan Bloch übernahm die Geschäfte in Berlin. Ihr Leben endete tragisch: Jacob Oppenheimer verstarb nach Internierung 1941 in Nizza, seine Frau Rosa wurde ins Lager Drancy verbracht, nach Auschwitz deportiert und 1943 ermordet.

Aufgrund unserer Recherchen informierten wir die Rechtsanwälte sowie das Team von lostart, um ihnen und damit den Erben Oppenheimers zu helfen, zu fairen und gerechten Lösungen zu kommen. Doch handelte es sich tatsächlich um einen verfolgungsbedingten Verlust? Forschungsergebnisse, die unter anderem im ersten vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) herausgegebenen Band „Provenire“ publiziert wurden, werfen neue Fragestellungen auf: Ein Arbeitskreis aus Provenienzforscher*innen in Hamburg, München und Berlin fand nach intensivem Quellenstudium heraus, dass der Konzern Margraf & Co. infolge von Kreditaufnahmen, schlechtem Management und aufgrund der Weltwirtschaftskrise ab 1929 in eine wirtschaftliche Schieflage geraten war, so dass er seine Erbschaftssteuerforderungen nicht mehr bezahlen konnte und es zu Pfändungen kam. Im Oktober 1933 wurden die Warenbestände der letzten drei Kunsthandelsfirmen an das Bankhaus Jacquier & Securius sicherheitsübereignet. Der Erlös mehrerer Auktionen tilgte die Bankschulden. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Versteigerung im Januar 1935 nicht als verfolgungsbedingt einzustufen sei (Ilse von zur Mühlen, Die Kunsthandlung Van Diemen & Co. Aus der Geschichte des Konzerns Margraf & Co., in: Provenienzforschung in deutschen Sammlungen, hrsg. vom DZK, Magdeburg 2019 [Provenire, Bd. 1], S. 209-216).

Trotz dieser Erkenntnisse blieb der Eintrag in der ebenfalls vom DZK verantworteten Datenbank „lostart“ bestehen und damit auch die offensichtlichen Widersprüche in Bezug auf die Margraf-Liquidation. Wie lassen sich diese auflösen? Was wird passieren, wenn das Elfenbeinrelief wiederauftaucht? Wäre es dann ein Fall für die „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz“? Allerdings wohl nur, wenn es sich heute in einem Museum der öffentlichen Hand befindet. – Ungeachtet des gewachsenen Wissens bleibt die Situation für alle unbefriedigend.

Dies war die 2. Nachricht aus dem Archiv Julius Böhler, Fortsetzung folgt …

Dr. BIRGIT JOOSS ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Projektleiterin des Forschungsprojekts „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903-1994“.