Birgit Jooss über Raucher und Muschelesser (II)

Glücklicherweise befindet sich in den Fotomappen der Kunsthandlung Böhler eine Abbildung des Steen‘schen Gemäldes, das Aufklärung verspricht. Es zeigt zwei Herren an einem Tisch in einer Schenke sitzend, im Hintergrund die Wirtin und ein weiterer Gast. Während der eine Gast am Tisch etwas liest, genießt der Mann mit Hut und Mantel im Zentrum des Bildes sein Getränk, nachdem er zuvor Muscheln gegessen hatte. Die auf dem Boden verteilten leeren Schalen verraten den Verzehr. Auf dem Tisch ist seine Pfeife platziert, die ihn als Raucher zu erkennen gibt. Es handelt sich also um einen muschelessenden Raucher oder einen rauchenden Muschelesser.

Die Fotomappe ist im Übrigen mit der frühen Nummer 06281 beschriftet, die auch auf der Münchner Karteikarte von 1919 gestanden hatte – ein weiterer Beweis, dass Böhler das Bild tatsächlich schon einmal 13 Jahre zuvor angekauft hatte. Das im BWA verwahrte Lagerbuch von 1906 führt für das Gemälde den passenderen Titel „Großer alter Mann mit Hut“. Ebenfalls im BWA hat sich für das Steen’sche Gemälde eine Rechnung vom 17.10.1919 von Böhler an die KHAG Luzern, zu Händen des in München ansässigen Schweizer Konsuls Arnold Haefeli erhalten. Er war zugleich Vizepräsident des Verwaltungsrates der KHAG. Und so ging das Bild physisch gar nicht nach Luzern, sondern verblieb die ganze Zeit in München, wo es Böhler als Kommissionär für die KHAG verkaufte.

Ist damit also bewiesen, dass es sich um ein und dasselbe Gemälde handelt, sodass wir die Karten in der Datenbank beruhigt verknüpfen können? Beweist das Foto aufgrund des Motivs den eindeutigen Zusammenhang? Steen malte das Motiv mehrfach.

Heute lassen sich zwei fast identische Varianten des Gemäldes eruieren. Eines befindet sich im Smith College Museum of Art in Northampton, MA, und trägt den passenderen Titel The Drinker, das andere – eine Kopie – im Staatlichen Museum Schwerin und heißt – ebenfalls passender – In der Schenke. Letzteres wurde bereits zwischen 1725 und 1792 erworben und kann somit nicht bei Böhler gewesen sein. Ersteres hingegen ist – anders als das Böhler’sche Bild – signiert. Der Verbleib weiterer Varianten, die in der Literatur erwähnt werden, ist heute unbekannt. Das Böhler’sche Gemälde tauchte jedoch erneut 1932 auf, als es ein heute unbekannter Berliner Kunde namens Blumenfeld in die Auktion des Münchner Versteigerers Hugo Helbing einlieferte. Es wurde allerdings nicht verkauft und an Blumenfeld retourniert. Danach verlieren sich die Spuren.

So stehen sechs Titel für das Bild im Raum: „Raucher“, „Muschelesser“, „Trinker“, „In der Schenke“, „Großer alter Mann mit Hut“ und „Wirtsstube“. Wir haben es mit einem klassischen Problem der Kunstgeschichte zu tun, das insbesondere bei der Gattung der Genrebilder forciert zu Tage tritt. Doch dieses Problem gewinnt in unserem Kontext eine neue Dimension angesichts des grundsätzlichen Spannungsverhältnisses von Diskretion (als dem Grundprinzip von Handel und Persönlichkeitsrechten) und Transparenz (der omnipräsenten Forderung der Gegenwart, im Bereich des NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts ebenso wie beim Informationsfreiheitsgesetz). Auch scheinbar banale Arbeitsschritte wie Transkription, Erschließung und Verknüpfung müssen sich zu dieser Gemengelage von Aussage und Verschleierung verhalten. Parallele Organisationsstrukturen der Kunsthandlung Böhler mit ihren Zweigniederlassungen, Filialen, Metageschäften, temporären Konsortien, Partner- und Teilhaberschaften sowie Kommissions- und Kreditgeschäften führten fraglos zu einer Intransparenz, die damals schon und heute erst recht schwer einzuschätzen ist. Und so stellt sich nicht allein die Frage nach dem Verbleib des Gemäldes, sondern insbesondere auch nach dem Geschäftsgebaren Böhlers. Fragen, die nur unter größerem Rechercheaufwand, vielleicht aber auch gar nicht geklärt werden können: Wurde der Titel des Bildes absichtlich geändert? Mit welchem Ziel? Sollte etwas verborgen werden? Oder waren es gar zwei verschiedene Werke, mit denen Böhler gleichzeitig handelte? Auffällig ist jedenfalls der erkennbare Erfolg von Böhlers Geschäftspraxis, denn immer wieder lassen sich bei diesen Transfergeschäften erstaunlich hohe Gewinnspannen ablesen.

Dies war die 4. Nachricht aus dem Archiv Julius Böhler, Fortsetzung folgt …

Dr. BIRGIT JOOSS ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Projektleiterin des Forschungsprojekts „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903–1994“.

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