Christine Tauber über Gegenporträts Napoleons (II)

PARISER TROUVAILLE NR. 6

Ein „Gegenporträt“ schon zu Lebzeiten ist das Reiterbildnis des Kaisers Napoleon I., das die Brüder Heinrich und Ferdinand Olivier im Auftrag von Herzog Franz von Anhalt-Dessau 1806/07 in Paris malten (Abb. 4; Klaus Heinrich Kohrs, Rez. Ausst.kat. Napoleon und Europa. Traum und Trauma, hg. v. Bénédicte Savoy, München 2010, in: Kunstchronik 64/7, 2011, S. 378ff.).

Beim David-Bild des furchtlosen Alpenüberquerers war alles unbeugsamer, vorwärtsstürmender Wille gewesen, den die Natur nicht aufzuhalten vermochte. Befremdlich anders stellt sich das Bild der Brüder Olivier dar, obgleich es sich doch unverkennbar auf Davids Vor-Bild bezieht. Vor bzw. über einem altertümelnden Drei-Gründe-Schema mit weitem Landschaftsausblick auf die Rheinlandschaft bei Oppenheim, die zugleich Weltlandschaft sein will, erscheint, wie ohne Bodenhaftung dahinstürmend, ein Reiter auf grellroter Schabracke. Überdimensional und wie holzgeschnitzt wirkt die nicht nach oben, sondern unheilvoll über das Land weisende Hand, und auch der Blick geht in dieselbe Richtung. Thomas W. Gaehtgens hat gezeigt, wie die Brüder Olivier unter der Hand den Wunsch ihres Landesherrn nach einem repräsentativen Napoleon-Porträt unterlaufen und dem Heros Züge eines apokalyptischen Reiters verleihen (Das nazarenische Napoleonbildnis der Brüder Olivier, in: Geschichte und Ästhetik. Festschrift für Werner Busch zum 60. Geburtstag, hg. v. Margit Kern/Thomas Kirchner/Hubertus Kohle, München/Berlin 2004, S. 296–312). Die vordergründig unverkennbaren Qualitätsunterschiede zwischen den beiden Reiterbildnissen lassen sich als ästhetisch-patriotisches Programm verstehen: Dem als oberflächlich und leer pathetisch diskreditierten Realismus der David-Schule werden hier altdeutsche Tugenden entgegengesetzt, wie man sie im Pariser Musée Napoléon von den geraubten Kunstwerken jenseits des Rheins ablesen konnte, allen voran Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht.

Karikaturen spielen eine zentrale Rolle im Prozess öffentlicher Meinungsbildung. Sie äußern politische Kritik mit Hilfe eines hochdifferenziert entwickelten Bilddiskurses, der ein Gegendiskurs zu sein beansprucht gegen die Vereinnahmung der Bilder zu propagandistischen Zwecken (Claudia Hattendorff, Napoleon und die Bilder. System und Umriss bildgewordener Politik und politischen Bildgebrauchs, Petersberg 2012). Girodet, der Napoleon mindestens ebenso hasste und verachtete wie seinen Lehrer, den napoleonischen Hofmaler Jacques-Louis David, hat sich die Mühe gemacht, eine delikate Mehrphasen-Karikatur Napoleons in Bleistift und Kreide zu zeichnen (Abb. 5). Die Bildunterschrift entlarvt die Eitelkeit des Porträtierten und seine krampfhaft verhehlten Anstrengungen beim öffentlichen Self-Fashioning: „Bonaparte dormant au Spectacle à St. Cloud le 13 avril 1812. / S’Eveillant frappé de la pensée qu’on a pu le voir dormir. / Et s’efforçant de sourire en regardant la Scène.“ Karikaturen blühten vor allem im von Napoleon militärisch bedrohten Ausland: Die besonders heftig antinapoleonisch engagierten englischen Karikaturisten transformierten seinen Zug ins Exil nach Elba, aber auch die 100 Tage in einen Schandzug.

Einen Höhepunkt erreicht diese Verunglimpfung des kurzzeitigen Rückkehrers in dem anonymen kolorierten Stich Retour de l’ile d’Elbe, il ramene la liberté! vom März 1815 (Abb. 6): Napoleon wird hier vom Teufel und einer harlekinartigen Witzfigur auf einem störrischen apokalyptischen Tier mit „bonnet de la liberté“ herangeführt. Dieser zum Freiheitsesel mutierte David’sche Hengst scheißt Orden aus und ist von Napoleons Sporen und seinem rüden Riss am Zügel blutig geschunden. Der Reiter hat den Ausruf „Quel Triomphe“ auf den Lippen und führt hinter sich – in sarkastischer Abwandlung des berühmten Revolutionsdiktums „Liberté ou la mort“ – einen Sensenmann mit, der unmissverständlich illustriert, wohin die letzte Reise geht.

Das war die Pariser Trouvaille Nr. 6, Fortsetzung folgt…

Prof. Dr. CHRISTINE TAUBER ist die verantwortliche Redakteurin der Kunstchronik am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Professorin am Kunsthistorischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München.