Christine Tauber zu Napoleons Staatsporträts (II)

Antoine-Jean Gros, Napoleon besucht die Pestkranken von Jaffa (Detail)

PARISER TROUVAILLE NR. 5

Nach der Kaiser(selbst)krönung und dann verstärkt im Zuge der nachlassenden militärischen Erfolge fokussiert die napoleonische Porträtpolitik zunehmend auf die Konsolidierung der imperialen Macht. Jacques-Louis David malt Napoleon 1812 in seinem Arbeitszimmer (Abb. 4) als besonnenen Regenten, der den ganzen Tag über und selbst noch nachts bei Kerzenlicht unermüdlich für Frankreich tätig ist. Von einer Truppeninspektion herbeigeeilt, bei der er sich seine blütenweiße Uniform nicht beschmutzen musste, geht er sofort an den Schreibtisch, um seinen Code Napoléon weiter auszuarbeiten. Dieser in allen Lebenslagen besonnen agierende Gesetzgeber verweist mit seiner berühmten selbstbeherrschten Handhaltung auf die maßvolle und hochprofessionelle Amtsführung dieses stets nur auf das Wohl des französischen Volkes bedachten „pater patriae“. In diesem Porträt geht es um die Darstellung desjenigen, der das krisengeschüttelte Frankreich konsolidiert – nach außen wie nach innen. Mit seiner beruhigenden und auf die eigene Stabilität und Standfestigkeit in allen Wirren rückverweisenden Geste manifestiert sich seine Gefasstheit und Entschiedenheit, die große Aufgabe des Erhalts der einmal für Frankreich gewonnenen Machtposition souverän zu bewältigen.

Der offizielle Image- und Bildnisgestalter Napoleons war seit etwa 1797 Antoine-Jean Gros (vgl. David O’Brien, After the Revolution. Antoine-Jean Gros, Painting and Propaganda Under Napoleon, University Park, Pennsylvania 2006; Werner Telesko, Napoleon Bonaparte. Der „moderne Held“ und die bildende Kunst 1799–1815, Wien/Köln/Weimar 1998). In seinem großen Salonerfolg von 1804, Napoleon besucht die Pestkranken von Jaffa (Abb. 5), klaffen historische Realität und stilisierende Idealisierung Napoleons besonders weit auseinander. Eine der unrühmlichsten Episoden des ohnehin nicht gerade überwältigend erfolgreichen Ägyptenfeldzuges wird hier zum Anlass eines peinlichen Rehabilitationsaktes in fulminanter künstlerischer Faktur: Napoleons skandalöses Verhalten gegenüber seinen eigenen pestkranken Soldaten sollte weißgewaschen werden, hatte er doch im Mai 1799 beim Rückzug den Befehl gegeben, die Kranken durch seine Ärzte vergiften zu lassen. Auf Gros’ Riesengemälde stellt sich der Vorgang jedoch ganz anders dar. Napoleon ist hier der Heilende, Mut Zusprechende, der durch sein leibhaftiges Auftreten in dieser hochinfektiösen Umgebung die Moral seiner Männer stützt. Er invertiert nicht nur den Gestus des Ungläubigen Thomas, der hier ein mit Gewissheit heilender ist, sondern auch den in manieristischen Darstellungen der Szene des Noli me tangere – Napoleon muss sich nicht entziehen, sondern kann ohne Gefahr die für alle anderen hochgradig ansteckende Pestbeule des Kranken berühren und ihm damit Linderung verschaffen. Er selbst ist unverwundbar und vollkommen furchtlos, im Gegensatz zu dem General hinter ihm, der als Kontrastfigur ängstlich ein Taschentuch vor sein Gesicht hält. Napoleon hat sich sogar seines schützenden Handschuhs entledigt, um den gleichen lebensspendenden Gestus wie Gottvater in Michelangelos Deckenfresko in der Cappella Sistina bei der Schöpfung Adams zu vollziehen.

O’Brien kann zeigen, dass Gros auf diese unter moralischen Gesichtspunkten äußerst heikle Darstellungsaufgabe mit Überkompensation reagiert. Er stattet seinen Napoleon im Pestspital mit allen nur denkbaren panegyrischen Ikonographien aus, die der Legitimationsabsicht des zukünftigen Kaisers hilfreich sein können. Nicht nur die thaumaturgischen Fähigkeiten Napoleons werden betont, die er von den französischen Königen des Mittelalters und des Ancien Régime geerbt zu haben scheint, er ist zugleich eine Art Christusfigur, und er zitiert in seiner Haltung das große Vorbild antiker emotionaler Gefasstheit, den Apoll vom Belvedere.

Zu dem neugeschaffenen Image Napoleons als eines Friedensbringers und Gesetzgebers wollte Gros’ fulminante Darstellung der Schlacht von Aboukir von 1806 dann allerdings mit ihrer extremen Gewalttätigkeit und Sinnlichkeit auch in der malerischen Faktur nicht mehr so recht passen, zumal sie den eklatanten Nachteil aufwies, dass nicht Napoleon hier der Held ist, sondern sein Offizier und Schwager Joachim Murat. Gros schwenkte denn auch recht bald in den friedlichen Mainstream ein, mit schauderhaften Ergebnissen wie dem kompositorisch wie malerisch sowie in den Porträtdarstellungen misslungenen Bild Das Zusammentreffen von Napoleon und Franz II. nach der Schlacht von Austerlitz von 1812 (Abb. 6).

Das war die Pariser Trouvaille Nr. 5 im Rahmen der Porträt-Serie von Spotlight, Fortsetzung zu kritischen Gegenporträts folgt…

Prof. Dr. CHRISTINE TAUBER ist die verantwortliche Redakteurin der Kunstchronik am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Professorin am Kunsthistorischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München.