Julia Bondl zu Meissonier und Courbet: Pflastersteine im Pariser Salon 1850/51 (II)

Im selben Jahr 1849 verewigt Courbet mit seinem Gemälde Les Casseurs de pierres (Abb. 3) das schwer arbeitende Proletariat in überdimensionalen Maßen die bis dato nur Historiengemälden vorbehalten waren.

Unter der glühenden Sonne der ländlichen Franche-Comté verrichten zwei gesichtslose, überlebensgroße Arbeiter verschiedenen Alters ihre schweißtreibende, staubige Arbeit und klopfen Steine für die Straßen der Städte. Ihre Kleidung ist zerschlissen, ihr Handwerk mühevoll. Während der Alte mit einem Vorschlaghammer auf den Knien Steine klopft, schleppt der jüngere einen schweren Korb voller Steine. Inspiration fand Courbet wie so oft in der Realität. Im November 1849 berichtet er einem Freund (Brief an M. und Mme. Francis Wey, Ornans, 26.11.1849, in: Petra ten-Doesschate Chu, Corresponcance de Courbet, Paris 1996, S. 81-82.):

J’avais pris notre voiture, j’allais au château de Saint-Denis faire un paysage. Proche de Maisières, je m’arrête pour considérer deux hommes cassant des pierres sur la route. Il est rare de rencontrer l’expression la plus complète de la misère. Aussi sur-le-champ m’advint-il un tableau. (…) Le vieillard est à genoux, le jeune homme est derrière lui debout, portant avec énergie un panier de pierres cassées. Hélas, dans cet état c’est ainsi qu’on commence, c’est ainsi qu’on finit!

Die Thematik des Gemäldes und die intendierte moralische und gesellschaftspolitische Symbolkraft ist, ebenso wie Format und Farbauftrag, revolutionär für die damalige Zeit und schlägt in der Pariser Kunstwelt bekanntlich hohe Wellen (vgl. James H. Rubin, Courbet, London 1997, S. 66). Amédée de Noé, besser bekannt als „Cham“ , karikiert das Werk in der Zeitschrift Le Charivari und persifliert gekonnt die Reaktion der Bourgeoisie auf Courbets Gemälde (Abb. 4, 5):

Les Casseurs de pierres ist eines der ersten von Courbets Gemälden mit deutlicher Sozialkritik und ebnet den Boden für eine Reihe ähnlich argumentierender Gemälde, die die sogenannten „misères“ mit erschütterndem Realismus wiedergeben und den politischen Standpunkt des Malers zum Ausdruck bringen (vgl. Linda Nochlin, Courbet und die Darstellung des Elends. Ein Traum von Gerechtigkeit, in: Klaus Herding, Max Hollein (Hg.), Courbet – Ein Traum von der Moderne, Ausst. Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt, (15. Okt. 2010–30. Jan. 2011), Ostfildern 2010, S. 76–83, S. 78f.).

Zwei Maler, die unterschiedlicher nicht sein können – der eine, ein bourgeoiser Genre- und Historienmaler, der andere, dem Proletariat zugetan und in Zukunft allzu oft Persona non grata im Pariser Salon – stellen gleichzeitig im 1850/51er Salon aus und verewigen den revolutionär aufgeladenen (Pflaster-)stein als eigenen Bedeutungsträger im Gemälde (vgl. Rottmann, S. 54 f.). Ein Revolutionsgemälde im Miniaturformat und ein revolutionäres Gemälde, dessen Sujet auf einer für das zeitgenössische Verständnis viel zu großen Leinwand verhandelt wird. Die Steine, die in dem einen Werk mühsam geklopft werden, könnten im nächsten Moment von Rebellen aus dem Straßenbelag gerissen werden, als Werkzeug der Revolution Verwendung finden, und später in dem anderen Gemälde als Erinnerungsstücke zwischen den Opfern des Kampfes liegen. Letztlich kann der Pflasterstein in beiden Werken als Warnung an das jeweils gegnerische politische „Lager“ gesehen werden (vgl. ebd., S. 54 f.).

JULIA BONDL, M.A. ist wissenschaftliche Hilfkraft in der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte.

Header Abbildung Antoine Aubert, Napoleon le Grand. Kupferstich. Rueil-Malmaison, châteaux de Malmaison et de Bois-Préau (Photo © RMN – Grand Palais / Gérard Blot; http://musees-nationaux-malmaison [Detail].fr/chateau-malmaison/) Detail

Christine Tauber zu Napoleons Staatsporträts

PARISER TROUVAILLE NR. 5 Im Rahmen der forcierten Bildnispolitik Napoleons spielen seine Staatsporträts naturgemäß eine zentrale Rolle. Die „Königsklasse“ des Porträts dient wie keine andere…
Weiterlesen