Yvonne Schweizer über NFT-Kunst (II)

MEDIENGESCHICHTE DES NATIV DIGITALEN ORIGINALS

Die digitale NFT-Signatur und die Erhebung in den Status des Unikats wird für den Bereich der nativ digitalen Kunst derzeit als Innovationsgeschichte verkauft. Ein oft gelesener Kommentar lautet, dass es mit NFTs endlich und erstmals möglich sei, Gifs, Memes und weitere visuelle Phänomene der Internetkultur als Unikate zu markieren. Die anhaltende Debatte zu Non-Fungible Tokens (NFTs) benennt erstaunlicherweise weder medienhistorische Parallelen zur Film- und Videogeschichte (vgl. etwa Erika Balsom: After Uniqueness. A History of Film and Video Art in Circulation, New York 2017), noch erwähnt sie die jüngere Sammlungsgeschichte nativ digitaler Künste. Dabei stellt sich die Frage, wie Netz-Künstler*innen Kunstwerke eigentlich bis ins Jahr 2021 verkauften? Das browserbasierte World Wide Web, das das Einbetten von animierten und statischen Bildelementen in Webseiten einst ermöglichte, existiert seit mittlerweile 30 Jahren. Verkäufe nativ digitaler Kunst fanden lange vor der Einführung von NFTs und Blockchain-Technologien statt. Mit welchen Begriffen also sind die bisherigen Zertifikate belegt, die jenen Statuswechsel einläuten, der eine für alle einsehbare Homepage zum persönlichen Eigentum macht.

Rafaël Rozendaal, ein niederländisch-brasilianischer Internetkünstler, erstellt seit 2001 Kunstwerke im Format von Webseiten (Abb. 1 und 2). Im Utopieraum des freien Netzes der 1990erJahre sollten seine Webseiten Kunst für alle zugänglich machen. Die Finanzierung seiner digitalen Kunstwerke war laut Rozendaal daher zunächst über Werbebanner geplant, er spricht von einer „demokratischen Monetarisierung“ (Marvin Jordan, Interview with Rafaël Rozendaal, in: Rafaël Rozendaal. Everything, Always, Everywhere, Amsterdam 2017, S. 296-304, S. 302). Für die Distribution und Finanzierung seiner Kunst setzte er jedoch letztlich das sammlerbasierte Finanzierungsmodell der limitierten Edition durch. Die Kunstgeschichte kennt dieses Distributionsmodell seit dem 19. Jahrhundert, als etwa Lithografien oder Bronzegüsse für die neue Käuferschaft des Bürgertums erschwinglich und dennoch zur Rarität wurden.

Ähnlich sichert das Modell der limitierten Edition dem Netzkünstler Rozendaal eine Kombination aus mehreren Funktionen zu, aus Zugänglichkeit, ökonomischer Absicherung und zugesicherter Erhaltung seiner Kunstwerke. Die Webseiten bleiben im Internet über ihre jeweiligen URLs abrufbar, sie haben ihre feste, zugewiesene Domain. Der Zugriff darauf ist kostenfrei und jederzeit gegeben. Ist eine Webseite verkauft worden, so wird die jeweilige Provenienz im Tab der Webseite ausgewiesen. Bei der Webseite http://www.intotime.us/ ist es beispielsweise die Sammlung Hugo und Carla Brown mit Sitz in Den Haag, die Seite http://www.thisemptyroom.com/ (Abb. 1 und 2) befindet sich in der Sammlung des Museum Voorlinden im niederländischen Wassenaar. Ein Musterkaufvertrag, den Rozendaal auf seiner Webseite als PDF zugänglich macht (http://www.artwebsitesalescontract.com/), verdeutlicht die Begriffe und Zuschreibungen, mit denen der Künstler operiert. Die erworbene Webseite wird als „unique“ bezeichnet, obschon sie auf allen Rechnern der Welt gleich aussieht – unbeachtet der browserbasierten Rahmungen, die unabhängig vom Kunstwerk sind. Was genau erworben wird, legt das Zertifikat ebenfalls fest: Käufer*innen erstehen eine signierte und nummerierte Disc mit mehreren Datenpackages, darunter den Quellcode, der für das Betreiben und die Erhaltung des Kunstwerks wesentlich ist. Der Domainname wird beim Kauf auf die Sammler*innen übertragen, womit die Pflichten der Bewahrung an die Käufer*innen übergehen. Jedes Jahr müssen, so die siebte Vertragsklausel, die Besitzer*innen die Domain erneuern.

Es sind die traditionellen Kategorien des originalen physischen Objekts mit fester Lokalisierung, die bei der Beurteilung des Kaufwerts von Rozendaals Webseiten aufgerufen werden. Hier schließt sich der Kreis: Seit März 2021 werden Rozendaals nativ digitale Kunstwerke als Unikate auf dem Marketplace Foundation hoch gehandelt. Statt eines von einer Galerie festgesetzten Preises, richtet sich der Preis jedoch nach der Nachfrage der Bietenden.

Dr. YVONNE SCHWEIZER ist Juliane-und-Franz-Roh-Stipendiatin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und wissenschaftliche Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern.

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