Das kaiserliche Winter-Ei von Peter Carl Fabergé (1846–1920) wurde 2025 bei Christie’s in London für umgerechnet 26,3 Millionen Euro versteigert (Abb. 1). Dies war der höchste Auktionspreis, der je für ein Werk des Petersburger Juweliers erzielt wurde. Charakteristisch für Fabergé-Eier sind die ihnen innewohnenden Überraschungen: Jedes Exemplar enthält ein figürliches Objekt, beim Winter-Ei ist es ein Blumenkorb, oder ein Porträt, ein mechanisches Spielwerk, eine Uhr oder eine Miniaturarchitektur.

Häufig ermöglichen Mechaniken einen weiteren Überraschungseffekt: Bei dem sog. dritten kaiserlichen Ei von 1887 (seit 2021 im Victoria and Albert Museum in London) muss man auf den Diamanten auf der Vorderseite drücken, damit es auseinanderklappt und den Blick auf eine Uhr der Manufaktur Vacheron Constantin freigibt.
Auch bei Fabergés Kunst-Eiern fing alles mit einer Henne an, und zwar mit einer goldenen, die in einem aus Gold mit weißem Emailüberzug nachgestalteten Ei saß und von Zar Alexander III. seiner Gemahlin Maria Fjodorowna zu Ostern 1885 geschenkt wurde. Eier sind traditionelle Ostergeschenke in Russland wie auch sonst in orthodoxen Ländern Osteuropas. Als Symbole der Auferstehung Christi dekoriert man sie bis heute. Am Zarenhof wurden die Kunst-Eier ausschließlich den Damen des Hauses geschenkt, sie waren somit auch ein unmissverständlicher Ausdruck des Wunsches oder des Dankes für das Fortbestehen der Dynastie. Zu diesem Zweck konnten sie nicht exklusiv genug gestaltet sein; dies äußert sich in der Wahl kostbarster Materialien, Gold, Platin, Diamanten, Rubine, Smaragde und ihrer meisterlichen Verarbeitung. So wurden sie bleibende Glanzstücke der Sammlung und als solche präsentiert.
Fabergé-Eier im Dienst des Zaren
Schon das erste Kunst-Ei Fabergés diente der kaiserlichen Selbstdarstellung: An den Schwanzfedern der Miniaturhenne in seinem Innern hingen eine Zarenkrone und zwei Rubin-Anhänger, die jedoch nicht mehr erhalten sind. Das Ei, das 1897 auf die Krönung Nikolausʼ II. verweisen sollte, bewahrt eine Miniatur-Nachbildung der Krönungskutsche Katharinas II. aus dem 18. Jahrhundert. Das 1906 unter Werkmeister Henrik Wigström geschaffene Kunst-Ei (Abb. 2) thront in einer Miniatur des Moskauer Kremls inklusive der Uspenski-Kathedrale, der Krönungskirche der russischen Zaren. Nikolaus II. schenkte es 1906 seiner Gemahlin. Zuvor hatte das „Transsibirische Eisenbahn-Ei“ (1900) den technischen Fortschritt und die Ausdehnung des Zarenreiches gefeiert. Der Feier des 300-jährigen Bestehens der Romanow-Dynastie diente ein Ei mit 18 Miniaturporträts von Familienmitgliedern. Es enthielt einen Globus, dessen beide Hemisphären Russland zeigten, ein Mal im Jahr 1613 und das andere Mal 1913.

Eine besondere Geschichte erzählte das Rosen-Spalier-Ei, das Zar Nikolaus II. seiner Frau Alexandra Fjodorowna am 22. April 1907 überreichte. Es erinnert an die Geburt des Thronfolgers Alexei Nikolaiewitsch im Jahre 1904, als man wegen des Russisch-Japanischen Krieges zwei Jahre in Folge keine kaiserlichen Ostereier mehr bestellt hatte. Das Ei enthielt eine Diamantenkette und ein von Diamanten umrahmtes Miniaturporträt des Zarewitschs, das auf Elfenbein gemalt war.
Exklusives Kunsthandwerk für den Zarenhof
Unter der Ägide Fabergés entstanden bis 1917 insgesamt 50 sogenannte „kaiserliche Fabergé-Eier“, von denen heute – soweit bekannt – noch 43 erhalten sind. Die Herstellung erforderte das Zusammenspiel hochqualifizierter und -spezialisierter Kunsthandwerker, nicht nur von Goldschmieden, sondern auch Steinschneidern, Emailleuren, Uhrmachern, Ziseleuren, Granuleuren, Guillocheuren und Pailletteuren. Dies zeigt auch das Winter-Ei, eine Gemeinschaftsarbeit von Werkmeister Albert Holmström, Alma Theresia Pihl (Entwurf) und Peter Mikhailovic Kremlev (Steinschnitt). Bei dem insgesamt 14,2 cm hohen Werk wurden laut Rechnung vom 24.6.1913 insgesamt 3.246 Diamanten hauptsächlich in Rosenschliff verarbeitet, im Inneren befindet sich ein mit Diamanten besetzter, aus Platinbändern geflochtener Korb mit Blumen, deren Blütenblätter aus Quarz geschnitten sind; die Stängel und Staubgefäße wurden aus Gold und die Blätter aus Nephrit gearbeitet. Angesichts solcher Werke kann man verstehen, warum Fabergé das Zitat zugeschrieben wird „Edelsteine sind wertlos, wenn man sie nicht in eine Geschichte verwandeln kann“ ( https://www.faberge.com/de/pages/history).
Folgeaufträge von Europas Geldadel
Selbstverständlich sollten die kaiserlichen Eier nicht kopiert werden, doch wer es sich aus dem europäischen Geldadel leisten konnte, bestellte ebenfalls Kunst-Oster-Eier bei Fabergé; so ging es auch hier um Selbstdarstellung. Die Industriellenfamilie Kelch gab bis 1904 sieben Eier in Auftrag; das erste, ein Hennen-Ei von Werkmeister Mikhail Perkhin (Michael Perchin), schenkte Alexander Kelch seiner Gattin im Jahr 1898. Es enthielt ursprünglich ihr Miniatur-Porträt auf einer Staffelei (es wurde später durch ein Porträt des Thronfolgers Alexei ersetzt). Das Ei der Rothschilds, ebenfalls ein Werk von Mikhail Perkhin, gelangte schließlich in die Eremitage. In einem Festakt am 8. Dezember 2014 anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Eremitage übergab der russische Präsident Vladimir Putin es zusammen mit einer Fabergé-Uhr mit Verweis auf die imperiale Vergangenheit, aber nicht auf deren Untergang, der auch die Enteignung Fabergés zur Folge hatte: „Ich möchte der Eremitage ein Geschenk überreichen: eine Uhr von Carl Fabergé und ein Uhrenei, ebenfalls ein Werk von Carl Fabergé. Die erste Uhr wurde zum 25. Hochzeitstag von Kaiser Alexander III. und Kaiserin Maria Fjodorowna angefertigt. Die zweite Uhr heißt Rothschild-Fabergé-Uhrenei. Ich hoffe, dass sie einen Platz in den Ausstellungen der Eremitage finden werden.” (Übersetzung aus dem Englischen durch die Verfasserin: http://en.kremlin.ru/events/president/news/47200 [26.01.2026])
Peter Carl Fabergé (1846–1920), ein Juwelier von Weltrang
Peter Carl Fabergés Leben bewegte sich zwischen Kunst, Handwerk und Unternehmertum und führte ihn an viele Orte Europas, deren kunsthandwerkliche Traditionen er studierte und adaptierte, ohne jemals zur Avantgarde seiner Zunft zu gehören. Er bevorzugte stattdessen Stilformen vom Barock bis zum Neoklassizismus, nach 1900 sieht man jedoch auch Formen des Jugendstils. Seine Vorfahren waren Hugenotten aus der Picardie, die in Folge des Edikts von Nantes aus Frankreich u. a. nach Brandenburg geflohen waren. Eine enge Beziehung zu Deutschland war auch weiterhin prägend, denn seine erste Schulbildung erhielt Carl Fabergé in der deutschsprachigen Annenschule in Sankt Petersburg, wo der Vater 1842 ein Geschäft für Goldschmiede- und Juwelierarbeiten eröffnet hatte. Anfang der 1860er Jahre zog die Familie nach Dresden, wo Carl die Handelsschule besuchte, aber auch die Schätze des Grünen Gewölbes kennenlernte. Seine Ausbildung als Juwelier beendete er dann in der Firma von Joseph Friedmann in Frankfurt am Main. Anschließend reiste Carl Fabergé durch ganz Europa und besuchte die führenden Goldschmiedewerkstätten, studierte aber auch die großen Kunstsammlungen. Nach seiner Rückkehr nach Sankt Petersburg, wo Peter Hiskias Pendin (Pötinnen) die Werkstatt seines Vaters leitete, erhielt er ab 1867 Zugang zur Schatzkammergalerie der Kaiserlichen Eremitage, um historische Schmuckstücke zu restaurieren. 1872 übernahm Carl die Leitung der Werkstatt, sein Bruder Agathon trat 1882 als Entwerfer in die Firma ein, und im gleichen Jahr wurde das Kaiserhaus auf Fabergé in der Panrussischen Industrie- und Kunstausstellung in Moskau aufmerksam, auf der Carl die Goldmedaille für seine Kopien skythischer Arbeiten errang. Fabergé beschäftigte bald 500 Handwerkerinnen und Handwerker und konnte Filialen in Moskau, Kiev, Odessa und London eröffnen.
Der Erste Weltkrieg bedeutete mit der Verpflichtung auf die Herstellung von militärischem Gerät einen schweren Einschnitt in der Firmengeschichte. Infolge der Oktoberrevolution wurde das Unternehmen dann von einem Arbeiterkomitee übernommen, das die Firma noch bis 1918 leitete, als die Werkstätten dann von der neuen Regierung geschlossen wurden. Der Hoflieferant Fabergé musste fliehen, als Kurier der britischen Gesandtschaft getarnt verließ er Russland und starb am 24. September 1920 in Pully bei Lausanne. Die Söhne konnten in Paris nicht mehr an seinen Erfolg anknüpfen.
Fabergé-Eier zwischen Adaption und Neuschöpfung
Der berühmte, höchste Qualität verheißende Name wurde dann von verschiedenen Firmen sachfremd genutzt und vermarktet. Erst 1989 knüpfte die Manufaktur Victor Mayer in Pforzheim an die Tradition hochwertiger Goldschmiedearbeiten im Stile Fabergés an. Neben Adaptionen entstanden dabei auch gänzliche Neuschöpfungen, wobei die Symbolik des Kunst-Eis aus dem Hause Fabergé einen signifikanten Paradigmenwechsel vom kaiserlichen Repräsentationsobjekt zum Symbol bürgerlicher Selbstbefreiung erfahren konnte, wie es das Fabergé-Ei „Brandenburger Tor“ zeigt (Abb. 3).

In Zusammenarbeit mit Juwelier Leicht, dessen Stammhaus sich ebenfalls in Pforzheim befindet und der die Quadriga schuf, wurde es mit einer Auflage von 12 Stück 2002 angefertigt. Anlass war die Enthüllung des Tors nach einer umfänglichen Restaurierung. Sein Exemplar des Eis übergab Stefan Leicht zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 als Dauerleihgabe dem Schmuckmuseum Pforzheim. Im Inneren des Eis, das bekrönt wird von einer Darstellung der Friedensgöttin Eirene, befindet sich eine originalgetreue Miniatur des Brandenburger Tors. Stefan Leicht erklärte die Motivation für den Entwurf: „Das Brandenburger Tor ist ein nationales Symbol. Es war zuerst Stadttor, dann Zeichen des kaiserlichen Deutschlands, der nationalen Überhebung, der Niederlage, der Trennung und schließlich glanzvolles Symbol der Wiedervereinigung. Diesem Symbol wollten wir ein Denkmal setzen.“ (Schmuckmuseum.de/nachrichten/news-ansicht/article/detail/News/faberge-ei-objekt-mit-besonderer-geschichte-nun-im-schmuckmuseum-zu-sehen-ei-mit-dem-brandenburger-tor-als-dauerleihgabe-von-juwelier-leicht.html).
Ob es Peter Carl Fabergé wohl gefallen hätte?
DR. ESTHER WIPFLER ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Realienkunde am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.
Weiterführende Literatur:
- Ulla Tillander-Godenhielm, Fabergé –His Masters and Artisans, London 2018.
- Margaret Kelly (Hg.), Fabergé and the Russian Crafts Tradition. An Empire’s Legacy, London 2017.
- Anne-Barbara Kern, Fabergé Ei-Objekte aus der Manufaktur Victor Mayer, Stuttgart 2015.
- Tatiana Muntian, Fabergé. Joaillier des Romanov, Bruxelles, 2005.
- Will Lowes und Christel Ludewig McCanless, Fabergé Eggs: A Retrospective Encyclopedia, London 2001.
- Tatiana Fabergé, Lynette G. Proler, Valentin Skurlov, The Fabergé Imperial Easter Eggs, London 1997.


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