Annotierte Auktionskataloge sind vor allem für die Provenienzforschung eine wichtige, manchmal sogar die einzige Ressource, um einen früheren Besitzer oder eine frühere Besitzerin zu ermitteln. Hinter einigen Namen verbergen sich Biografien mit tragischem Schicksal, die erst in der Zusammenschau mit weiteren (Kunsthandels-)Quellen enthüllt werden. Ausgangspunkt war ein für das laufende DFG-Kooperationsprojekt der UB Heidelberg und des ZI Unikales Quellenmaterial zum deutschen Kunsthandel digital vernetzen: Provenienzen, Beteiligte und Objekte in Handexemplaren von Auktions- und Lagerkatalogen 1860–1950 typischer Arbeitsschritt: Die Transkription von einem Namen in einer der über 600 handschriftlich geführten Listen zur Kundschaft der Münchner Galerie Hugo Helbing und die Identifikation der Person hinter dem Namen, in diesem Falle „W. Bayerlen, Stuttgart“ (Abb. 1). Stutzig machte hier, dass die Sammlung, die am 29. September 1917 bei Helbing zur Versteigerung kam, nicht mit „Sammlung Bayerlen“ oder „aus süddeutschem Besitz“, sondern mit „Gemäldesammlung Domenico Bossi 1767–1853“ (Abb. 2) beworben wurde. Diese Diskrepanz zwischen dem Namen des Sammlers „Bossi“ und der einliefernden Person „Bayerlen“ erforderte weitere Recherchen.


Das Stuttgarter Adressbuch aus dem Jahr 1917 (s. https://digital.wlb-stuttgart.de/index.php?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=461&tx_dlf%5Bpage%5D=3) blieb zunächst wenig hilfreich, da es keinen Eintrag zu „Bayerlen“ gab. In Kunsthandelsquellen sind orthografische Fehler bei Namen grundsätzlich nicht ungewöhnlich – vor allem während Auktionen, bei denen nach Gehör notiert wird. Aber auch in den vor Auktionsbeginn angelegten Listen, die ohne größeren Zeitdruck im Büro oder in den Ausstellungsräumen der Galerie verfasst werden konnten, schlichen sich hin und wieder Irrtümer ein, wie wohl auch bei „Bayerlen“. Denn Hugo Helbing notierte in seinem Handexemplar hinter einigen Lots „Beyerlen“ bzw. „W. Beyerlen“ und kennzeichnete so, dass dieser ein Kunstwerk ersteigert hatte. Im Stuttgarter Adressbuch finden sich unter „Beyerlen“ mehrere Personen und/oder Firmen: A. und Co. Beyerlen, Spezialgeschäft für Schreibmaschinen und Bürobedarf; Albertine Beyerlen, Stenographie-Lehrerin a. D.; W. Beyerlen, Vertrieb für Bürobedarf; Walter Beyerlen, Inhaber der Firma A. und Co. Beyerlen (s. Stuttgarter Adressbücher 1917, S. 45). Aber war „W. Bayerlen“ tatsächlich „W. Beyerlen“? Mit Hilfe zwei weiterer Auktionskataloge konnte diese Frage beantwortet werden.
Einen Tag vor der Auktion von Bossis Gemäldesammlung wurde auch dessen Miniaturensammlung von Helbing versteigert. In der von Dr. Hans Buchheit (1878–1961) verfassten Einleitung heißt es zur Provenienz: „Die vorliegende Sammlung stammt, wie schon bemerkt, aus dem Nachlaß [sic] einer Tochter des Malers, die, selbst Künstlerin, den Vater auf seinen vielen Wanderungen begleitet hatte, um endlich im Württembergischen ein dauerndes Heim zu finden.“ (Auktionskatalog Hugo Helbing, München, 28.09.1917, https://doi.org/10.11588/diglit.23030#0010). Bei der „einen“ Tochter handelt es sich um Maria Therese Karoline, bekannt als Charlotte (1825–1881), die ebenfalls als Malerin tätig war und im Januar 1853 den Kammersekretär und Stenographen Karl Christian Friedrich Beyerlen (1826–1881) aus Stuttgart geheiratet hatte. Aus der Ehe stammten zwei Kinder, Albertina (Lebensdaten unbekannt) und Angelo (Lebensdaten unbekannt) (vgl. Bernardo Falconi/Bernd Pappe: Domenico Bossi, 1767–1853: Da Venezia al Nord Europa. La carriera di un maestro del ritratto in miniatura, Venedig 2012, S. 212–213). Dessen Kinder veräußerten 1917 Teile der urgroßväterlichen Sammlung über die Galerie Hugo Helbing.
Aus diesem Abgleich mit der Biografie der Familie Bossi ergeben sich zwei Erkenntnisse: Der Name „Bayerlen“ wurde tatsächlich falsch geschrieben. Und der Einlieferer war der Urenkel von Domenico Bossi, Walter Beyerlen (1890–1948), Inhaber der einstig väterlichen Firma A. und Co. Beyerlen. Dass er und seine Verwandten die Sammlung jedoch nicht in Gänze aufgeben wollten, wird auch anhand der Notizen im Handexemplar von Hugo Helbing und insbesondere in dem von Marie Ducrue (1857–?), einer langjährigen Mitarbeiterin der Galerie Hugo Helbing, deutlich. Sie notierte in ihrem Handexemplar hinter vier Werken „Walter Beyerlen“, u. a. einen büßenden Hieronymus aus der Nachfolge Riberas (Lot 58) und ein Seestück aus der Schule des Salvator Rosa (Lot 59). Kurt Beyerlen, dessen Verwandtschaftsgrad zu Walter Bayerlen nicht geklärt werden konnte, ersteigerte eine Anbetung der Könige in der Art des Veronese (Lot 11) (Handexemplar Marie Ducrue, 29.09.1917, https://doi.org/10.11588/diglit.56181).
Anhand einer weiteren Recherche wird ersichtlich, dass Kunsthandelsquellen der 1910er-Jahre auch Informationen zu NS-verfolgungsbedingtem Entzug von Kulturgütern enthalten: die Münchner Kunsthandlung Julius Böhler erwarb auf den beiden Bossi-Auktionen ebenfalls diverse Kunstwerke. In der Datenbank der Kunsthandlung Julius Böhler sind einige der dort erworbenen Objekte verzeichnet, jedoch ohne einen Anhaltspunkt zu Beyerlen als Vorbesitzer (alle Werke sind unter „Bossi, Domenico“ subsumiert, http://boehler.zikg.eu/content/5ec23fd21b1b0): eine Plafondskizze nach Ricci, eine allegorische Plafondskizze und ein Damenporträt von Bossi. Ein Bacchanal von Giovanni Battista Gaulli (1639–1709) wurde dagegen nicht wie die vorherigen Werke im September 1917, sondern erst im November 1936 auf einer Karteikartei notiert, denn hier erwarb Böhler das Werk auf einer Auktion des Münchener Kunstversteigerungshaus. Angesichts der Rolle Adolf Weinmüllers (1886–1958), der 1936 das Auktionshaus eröffnete und als Profiteur der systematischen Verdrängung, „Arisierung“ und Auslöschung jüdischer Kunsthandlungen in München während der NS-Zeit gilt, lässt der Sachverhalt aufhorchen und erfordert weitere Recherche (vgl. Meike Hopp: Kunsthandel im Nationalsozialismus : Adolf Weinmüller in München und Wien, Köln u. a. 2012). Auf der Böhler’schen Karteikarte findet sich jedoch kein Hinweis auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug. Erst ein Blick in die annotierten Weinmüller-Kataloge zur Versteigerung „süddeutschen Kunstbesitz[es]“ am 11.11.1936 zeigt, dass das Gemälde lt. Besitzerverzeichnis und den Annotationen von „K. in M.“ bzw. „Karfiol“ eingeliefert wurde, was einen jüdischen Vorbesitzer vermuten lässt (Abb. 3).


Bei der Helbing-Auktion im September 1917 hatte „Karfiol“ sieben Werke ersteigert. Neben der erwähnten Bachanale (Lot 22, Abb. 4) auch ein Porträt der Arminia, die sich das Haar abschneidet von Lazzarini Gregorio (1657–1755) (Lot 29), ein Porträt der Artemisia mit dem Giftbecher nach Art des Lorenzo Pasinelli (1629–1700) (Lot 38), ein Genrebild eines Korbflechters und seiner Familie von einem Mailänder Maler des späten 17. Jahrhunderts (Lot 30), ein Genrebild mit zwei Kindern und einem Hund eines oberitalienischen Meisters der zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts (Lot 36) sowie zwei Szenen aus dem Leben Alexander des Großen aus der Schule des Johan Baptist Tiepolo (1696–1770) (Lot 50 und 51). Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei „Karfiol“ um Samuel Scheiner Karfiol (1873–1936), der in München ein Kaufhaus in der Reichenbachstraße 6 besaß. Wie verzweifelt er in dieser Zeit gewesen sein muss, wird durch seinen Suizid am 4. November 1936 deutlich, nur wenige Tage bevor seine Werke versteigert wurden (s. Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945, https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=3706). Über seine Sammeltätigkeit ist, wie so häufig bei kleineren Privatsammlungen mit nur wenigen Werken, bisher nichts bekannt. Dieser Beitrag ist ein erster Versuch, auf das Schicksal von Samuel Karfiol, seiner Kunstsammlung und deren Zwangsverkauf aufmerksam zu machen.
COSIMA DOLLANSKY, M. A., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und für das DFG-Kooperationsprojekts der UB Heidelberg und des ZI Unikales Quellenmaterial zum deutschen Kunsthandel digital vernetzen: Provenienzen, Beteiligte und Objekte in Handexemplaren von Auktions- und Lagerkatalogen 1860–1950 tätig.


Schreibe einen Kommentar