Kunstgeschichte beginnt nicht nach dem Werk, sondern bereits mit dem Künstler selbst. Lovis Corinth gehört zu jenen Fällen, in denen sich kunsthistorische Ordnung bereits im Entstehungsprozess ausbildet. Texte, Bilder und mediale Strategien greifen bei ihm ineinander und formen früh ein Deutungsangebot, das spätere Einordnungen mitprägt: Schreiben, Malen und Inszenieren erscheinen als zusammenhängende Praxis. Einen programmatischen Ausdruck findet dieses Selbstverständnis in der Selbstbiographie, die 1926 postum erscheint. „Ich will mich als Künstler zeigen“, notiert Corinth dort und verbindet diese Setzung mit der Einsicht, dass weder Charakter noch Form je abgeschlossen sind (Lovis Corinth: Selbstbiographie, Leipzig 1926, S. 159–160). Schreiben fungiert hier als Fortsetzung der künstlerischen Arbeit.
Schreiben als künstlerische Praxis
Seit 1904 tritt Corinth regelmäßig als Autor in der Zeitschrift Kunst und Künstler auf. Er kommentiert das zeitgenössische Kunstgeschehen, schreibt über Kollegen aus dem Berliner Umfeld und positioniert sich in kunstpolitischen Debatten. Diese publizistische Tätigkeit verdichtet sich in zwei zentralen Büchern. Die Monographie Das Leben Walter Leistikows (Berlin 1910) entfaltet ein Panorama der Konflikte zwischen Akademie und Secession. Das Lehrbuch Das Erlernen der Malerei (Berlin 1908) übersetzt malerische Praxis in Regeln und Wertungen. In beiden Fällen dient der Text als Instrument der Setzung. Verfahren werden benannt, Maßstäbe etabliert und Positionen markiert. Autorschaft wird hier zu einem Mittel der Positionierung im künstlerischen Feld.
Autofiktion und Selbstentwurf
Diese Strategie setzt sich in literarischer Form fort. In den Legenden aus dem Künstlerleben (1909) schreibt Corinth unter dem Pseudonym „Heinrich Stiemer“. Der Name ist bewusst gewählt: Heinrich ist sein zweiter Vorname, Stiemer der Geburtsname seiner Mutter. Unter dieser Identität überführt er reale Kindheitserinnerungen in eine erzählerische, beinahe mythische Form. Biographisches Material erscheint hier als gestaltete Erzählung. Die Selbstbiographie (1926) verschiebt den Ton erneut. Corinth entwirft eine Dialektik von Kraft und Melancholie. Öffentlich als vitaler Maler wahrgenommen, beschreibt er sich selbst als von „schwerster Melancholie“ begleitet. Aus dieser Spannung entsteht ein Selbstbild zwischen eigener Beschreibung und öffentlicher Wahrnehmung.
Schrift im Bild

Autorschaft beschränkt sich bei Corinth nicht auf das Medium des Textes. In mehreren Werken tritt Schrift direkt in die Bildoberfläche ein. Das Gemälde Innocentia (um 1890) (Abb. 1) trägt seinen Titel als Inschrift auf der Leinwand und rahmt die Darstellung semantisch. Beim frühen Bild Un Othello (1884) (Abb. 2) verwandelt der Schriftzug eine Studie in ein literarisch codiertes Rollenbild. In Das homerische Gelächter (1909) (Abb. 3) erscheint ein Zitat aus der Odyssee als integraler Bestandteil der Komposition. In allen Fällen greift Schrift lenkend in die Wahrnehmung ein.


Strategische Medialisierung
Corinth denkt Autorschaft im Horizont von Öffentlichkeit und Zirkulation. Reproduktionen, Publikationsorte und mediale Formate setzt er gezielt ein. Vor dem Erfolg der Salome (1900) veranlasst er die Verbreitung einer Holzstich-Reproduktion in der Leipziger Illustrierten Zeitung und bereitet damit Resonanz und Aufmerksamkeit vor. Auch filmische Medien werden einbezogen. In Hans Cürlis’ Filmreihe Schaffende Hände (1926) erscheint Corinth posthum in Aufnahmen, die ihn beim Malen zeigen, entstanden zu einem Zeitpunkt, als er nach zwei Schlaganfällen mit einer zitternden Hand arbeitete. Der Arbeitsprozess wird als unmittelbarer Schöpfungsakt inszeniert, während sich zugleich eine Spannung zwischen dem Bild der kraftvollen „Malerfaust“ und der tatsächlich sichtbaren Hand entfaltet.
Nachleben und Mitautorschaft
Nach Corinths Tod setzt sich diese Bild- und Textproduktion fort. Seine Ehefrau Charlotte Berend-Corinth (1880–1967) übernimmt eine zentrale Rolle in der Sicherung und Vermittlung des Nachlasses. Editionen, Kataloge und Erinnerungen verbinden persönliche Nähe mit ordnender Arbeit. Autorschaft erscheint nun als kollektive Praxis, die das Narrativ stabilisiert und weiterträgt. Corinths Texte und Bilder liefern Material und argumentieren zugleich. Kunstgeschichte beginnt hier nicht als nachträgliche Ordnung, sondern als mitlaufender Prozess. „Corinth“ erscheint als Konstellation aus Malerei, Zeichnung, Schreiben und medialer Platzierung. Autorschaft lässt sich hier als Regieanweisung für ein sich wandelndes Künstlerbild lesen.
ELIAS NEUHAUS, B.A., ist Student der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und studentische Hilfskraft im Bereich Direktion am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, wo er an der Ausstellung Corinth werden! Der Künstler und die Kunstgeschichte mitwirkte.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Michael Zimmermann, Lovis Corinth, München 2008.
- Michael Wetzel, Der Autor-Künstler: ein europäischer Gründungsmythos vom schöpferischen Individuum, Göttingen 2020.


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