Sophie Godzik zu Ko-Existenzen. Das Tier, das wir sehen

Wenn sich kunsthistorische Gedanken künstlerisch entfalten

Embryo – Die Grundidee

Dass Kunsthistoriker:innen selbst künstlerisch tätig werden, gehört nicht zum klassischen Selbstverständnis des Fachs. Gleichwohl kann die künstlerische Praxis als ein paralleler Denkraum fungieren, in dem sich Fragestellungen artikulieren lassen, die sich einer rein sprachlichen Analyse entziehen.

Den Ausgangspunkt für das Ausstellungsprojekt Ko-Existenzen. Das Tier, das wir sehen bildet mein Promotionsvorhaben, in welchem ich mich mit der Biene in der zeitgenössischen Kunst beschäftige. Insbesondere die theoretischen Überlegungen von Donna Haraway regten dazu an, die Wahrnehmung von Tieren – nicht-menschlichen Tieren – wie auch die tiefgreifende Prägung künstlerischer Darstellungen durch anthropozentrische Denkmuster kritisch zu hinterfragen. Die Aussage: „We polish an animal mirror to look for ourselves“1 , fungiert dabei als leitmotivische Reflexionsbasis.

Im Zentrum meiner Dissertation steht die Frage, wie sich künstlerische Auseinandersetzungen mit Bienen im 20. und 21. Jahrhundert beschreiben lassen, wenn die Biene nicht allein als Trägerin kultureller Zuschreibungen betrachtet wird, sondern als ko-produzierendes Gegenüber. Während Bienen kunst- und kulturhistorisch lange vor allem symbolisch gelesen werden konnten, findet in der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend eine Verschiebung statt. Die Biene wird über ihre Materialien, ihre Lebensprozesse und ihre spezifischen Formen des Bauens und Organisierens in künstlerische Prozesse einbezogen.

Ausgehend von Ansätzen der Human-Animal Studies soll untersucht werden, wie die künstlerischen Arbeiten anthropozentrische Denk- und Wahrnehmungsmuster infrage stellen können. Inwiefern verändern sich Vorstellungen von Autorschaft, Materialität und künstlerischer Handlungsmacht, wenn nicht-menschliche Akteur:innen nicht nur dargestellt, sondern selbst in den Entstehungsprozess eingebunden werden?

Aus der theoretischen Auseinandersetzung ergibt sich der Impuls, Fragen nicht allein analytisch zu verhandeln, sondern sie auch in der künstlerischen Praxis zu erforschen. Die Arbeit mit unterschiedlichen Medien eröffnet dabei die Möglichkeit, Argumentation nicht linear, sondern vielschichtig zu entfalten. Im Zentrum stehen grundlegende Fragestellungen: Inwiefern überlagert unser kunstgeprägter Blick die Wahrnehmung des tatsächlichen Tieres? Welche Wünsche und Sehnsüchte schreiben wir dem Tier zu, insbesondere solche nach Fähigkeiten, die über das Menschliche hinausgehen? Und wie lässt sich eine künstlerische Annäherung an das Tier denken, die ethischen und moralischen Ansprüchen gerecht wird?

Larve – Das Konzept im Detail

Ausgehend von diesen Leitfragen entwickelt sich die Struktur der Ausstellung als eine Abfolge von drei inhaltlich miteinander verschränkten Kapiteln. Jedem Kapitel wurde bewusst ein eigenes künstlerisches Medium zugeordnet. Diese Entscheidung folgt nicht allein formalen Überlegungen, sondern ist eng mit den inhaltlichen Fragestellungen verknüpft.

Kapitel I: Projektion wird durch Druckgrafiken bestimmt. Das Medium der Druckgrafik ermöglicht durch seine Eigenschaft der Reproduzierbarkeit eine Reflexion über die Verbreitung tradierter Bildformeln und visueller Prägungen. Kapitel II: Metamorphose greift auf die Tradition der Malerei auf Holz zurück und eröffnet einen Raum für Überlagerungen und Transformationen. In Kapitel III: Kollaboration verlagert sich die Auseinandersetzung durch kollaborative Arbeiten in eigens gefertigten Holzrähmchen, die von Bienen mit Waben überbaut wurden, in einen Raum der tatsächlichen Begegnung.

Eine zentrale Rolle kommt den verwendeten Materialien zu: Linolschnitt auf Büttenpapier, Holz und Blattgold sowie Holz und Bienenwachs. Holz fungiert dabei als organisch gewachsener Träger, dessen visuelle Struktur eine Nähe zur Natur behauptet, ohne diese vollständig zu repräsentieren. Blattgold hingegen bringt eine kulturell tief verankerte Bedeutungsebene ins Spiel. In der Kombination beider Materialien entsteht ein Spannungsfeld, in dem die Sonne als impliziter Akteur erscheint und durch unterschiedliche Lichtverhältnisse neue Betrachtungserfahrungen ermöglicht.

Puppe – Die Umsetzung

Die künstlerische Umsetzung der Ausstellungswerke folgte der Reihenfolge der Kapitel. Diese Abfolge kann als eine Form der gedanklichen und gestalterischen Annäherung verstanden werden, in der sich die Auseinandersetzung schrittweise vertieft.

Den Ausgangspunkt bilden die Druckgrafiken, die im Hochdruckverfahren des Linolschnitts entstanden. In diesen Arbeiten werden menschliche und nicht-menschliche Figuren miteinander kombiniert und in eine bewusste Relation zueinander gesetzt. Obwohl sich die Darstellungen an fotografischen Vorlagen orientieren, wird auf eine naturalistische Wiedergabe der Größenverhältnisse verzichtet. Die Insekten erscheinen im Sinne einer Bedeutungsperspektive überproportional groß, um die gewohnten Hierarchien zwischen Tier und Mensch infrage zu stellen.

Die Malereien auf Holz nahmen den umfangreichsten Teil des Arbeitsprozesses ein. Bereits die Auswahl des Materials war dabei entscheidend: verwendet wird Holz mit einem rohen, möglichst unbehandelten Erscheinungsbild. Auf dieser Grundlage entwickeln sich die Motive, in denen sich Figuren in einem Zwischenbereich aus menschlichen und nicht-menschlichen Eigenschaften bewegen. Wie feenartige Wesen mit goldenen Flügeln, die als anthropomorphe Annäherungen an die Biene gelesen werden können. Die Flügellinien werden mittels Pyrografie in die Oberfläche eingebrannt und erzeugen ein Relief, das sowohl visuell als auch haptisch erfahrbar ist. Darauf folgte die malerische Ausarbeitung mit Acrylfarben und Acrylstiften, bevor die Aufbringung von Blattgold sowie eine abschließende Firnisschicht die finalen Akzente setzt.

Die Wabenwerke erfordern im Vorfeld ein hohes Maß an Planung. Ziel ist es, den Bienen einen Raum für eine künstlerische Kooperation zu bieten, ohne in ihre natürlichen Abläufe störend einzugreifen. Hierfür werden Holzplatten im Zandermaß gefertigt, in die Öffnungen eingesägt werden, die den Bienen als Baufläche dienen. Nach dem Einsetzen dieser modifizierten Rähmchen ist eine kontinuierliche Beobachtung notwendig, da weder der Zeitpunkt noch die Bereitschaft zur Bebauung vorhersehbar sind. Letztlich erwiesen sich die Bienen als äußerst fleißig: Bereits nach weniger als einer Woche konnten die entstandenen Wabenstrukturen entnommen werden.

Imago – Die Ausstellung

In der Entomologie bezeichnet der Begriff Imago das vollständig entwickelte Insekt, da es von da an als „Bild seiner Art“ gesehen wird.2 In vergleichbarer Weise verstehe ich die Ausstellung als eine Verdichtung meiner kunsthistorischen Fragestellungen in eine visuelle und materielle Form.

Die drei Hauptkapitel werden im Ausstellungsraum durch einen Prolog und einen Epilog ergänzt. Der Prolog führt mit dokumentarischen Street-Photography-Aufnahmen in das Thema ein. Dabei wird in Fotografien nach alltäglichen Kontaktzonen zwischen Tier und Mensch gesucht, um zu verdeutlichen, dass diese Begegnungen integraler Bestandteil unserer Lebensrealität sind. Im Epilog verlagert sich die Auseinandersetzung in eine unmittelbare, sinnliche Erfahrung, da zwei Imkerwaben gezeigt werden, die von Besuchenden berührt werden dürfen. Sie treten in einen bewussten Dialog mit den künstlerisch entstandenen Wabenwerken und eröffnen zugleich eine reale Kontaktzone3 zwischen Tier und Mensch. In dieser Gegenüberstellung wird ein mögliches Modell eines respektvollen Miteinanders deutlich.

So lässt sich Ko-Existenzen. Das Tier, das wir sehen als ein Gefüge verstehen, in dem sich wissenschaftliche Reflexion und künstlerische Praxis wechselseitig durchdringen. Die Ausstellung ist weder als abgeschlossene Aussage noch als eindeutige Antwort zu begreifen, sondern mehr als offenes System, das Fragen sichtbar macht. Gerade in diesem System eröffnet sich die Möglichkeit, das Tier nicht nur als Spiegel des Menschlichen zu begreifen, sondern als eigenständiges Gegenüber wahrzunehmen.

NKT Studio im Neuen Kunstmuseum Tübingen
Die Ausstellung konnte im Rahmen des NKT Studio Programms des Neuen Kunstmuseums Tübingen realisiert werden, das sich der Förderung aufstrebender Kunstschaffender widmet und einen Ort der Sichtbarkeit für neue künstlerische Positionen bietet. Für diese Unterstützung und das Vertrauen in meine Arbeit bin ich dem Museum sehr dankbar.

Sophie Godzik ist Stipendiatin der Freien und Hansestadt Hamburg am Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Sie promoviert im Fach Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. In ihrer Dissertation untersucht sie die Bedeutung der Biene in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit verfolgt Sophie Godzik auch eine praktische, künstlerische Dimension. Ihre Beschäftigung mit Kunst wird so zu einem kreativen Ausdrucksraum, der Theorie und Praxis miteinander verbindet.


  1. Haraway, Donna J.: Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature, Oxfordshire 1991, S. 21. ↩︎
  2. Lehmann, Ulrich: Paläontologisches Wörterbuch, 4., durchgesehene und erweiterte Auflage. Ferdinand Enke, Stuttgart 1996, S. 114. ↩︎
  3. Galiński, Juliusz: Beekeepers‘ beecomings and the agency of a bee, in: Etnografia Polska 66.1-2 (2022), S. 143–158, S. 146: Galiński bezieht sich auf den von Donna Haraway aus der Linguistik übernommenen Begriff der „contact zones“, der ursprünglich improvisierte Formen der Kommunikation bezeichnet, die in Bereichen entstehen, in denen unterschiedliche Sprachräume aufeinandertreffen. Er überträgt diesen Begriff auf die Verständigung zwischen Imker:innen und Bienen. Im vorliegenden Kontext wird der Begriff darüber hinaus auf das allgemeine Miteinander von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren ausgeweitet. ↩︎

TIPP

Am 20. März eröffnete im Neuen Kunstmuseum Tübingen die Ausstellung Ko-Existenzen. Das Tier, das wir sehen von Sophie Godzik. Die Ausstellung ist noch bis zum 05. Juli zu sehen und ist dem vielschichtigen Verhältnis von Tier und Mensch in der Kunst gewidmet.

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