Fotografie in München und die vielen Orte einer „Fotostadt”

Person in historischer Kleidung mit großem Kreuz auf der Robe steht neben einer alten Kamera auf Stativ vor gelbem Hintergrund

Ein Bericht von Sophie Junge, Franziska Kunze, Franziska Lampe und Kathrin Schönegg

Die Fotografie zählt nach wie vor zu den prägenden Formen visueller Kommunikation. Gerade durch diese starke Präsenz lässt leicht übersehen, wie vielschichtig ihre Geschichten und institutionellen Kontexte sind. Angesichts tiefgreifender Veränderungen unserer Bildkultur gewinnt die Erforschung der Fotografie derzeit erneut an Aktualität. Dabei erscheint es wichtiger denn je, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, um die historischen wie gegenwärtigen Entwicklungen des Fotografischen gemeinsam zu betrachten. Vor diesem Hintergrund haben wir die Symposien Fotografie in München initiiert: als Gelegenheit, die vielfältigen fotografischen Akteur*innen und Organisationen der Stadt miteinander ins Gespräch zu bringen und München als lebendigen Ort des Fotografischen in seinen Verflechtungen zu untersuchen.

Schwarz-weiße historische Illustration mit einer Figur in traditioneller Kleidung vor einer Stadtansicht mit Brücke und Fluss, darüber rosa Schrift 'FOTOGRAFIE In' und weitere rosa Textzeilen
Abb. 1a: Programmflyer des Symposiums zu Fotografie in München 2024 (Gestaltung: Christian Schmieder)
Historische schwarz-weiße Illustration einer Person in traditioneller Kleidung vor einer Stadtansicht mit Gebäuden und Bäumen, darüber orangefarbene Schrift mit Veranstaltungshinweisen
Abb. 1b: Programmflyer des Symposiums zu Fotografie in München 2026 (Gestaltung: Christian Schmieder)

Die Fotografie durchzieht die Stadt München wie ein roter Faden – in historischen Sammlungen und Archiven, Kunstmuseen und Ausstellungsplattformen, Galerien und Hochschulen sowie an praktisch-künstlerischen Ausbildungsorten. Ende Januar 2026 fand zum zweiten Mal das Symposium Fotografie in München statt – und der Andrang war groß: Das 300 Plätze fassende Auditorium der Pinakothek der Moderne war voll besetzt. Ebenso wie schon im November 2024 der Vortragssaal des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, wo das erste Symposium Fotografie in München als Kooperation zwischen dem Münchner Stadtmuseum, der Ludwig-Maximilians-Universität, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte stattgefunden hatte.

Vier Personen stehen vor einer breiten Treppe in einem modernen Innenraum mit weißen Wänden
Abb. 2: Die Veranstalterinnen Sophie Junge, Franziska Kunze, Franziska Lampe und Kathrin Schönegg während des zweiten Symposiums am 29. Januar 2026 in der Pinakothek der Moderne in München (Foto: Franziska Pietsch)

Gemeinsam haben wir auf beiden Symposien den vielen (und oft miteinander verwobenen) Fotografiegeschichten Münchens nachgespürt. Dabei haben wir die Fotografie zugleich als Sammlungs- und Ausstellungsobjekt, analoge und digitale Reproduktion, als künstlerische Praxis und historische Quelle in den Blick genommen. Besonderes Augenmerk galt den unterschiedlichen Arbeitsfeldern, in denen das Medium heute wirksam ist, darunter Kunst, Lehre, Restaurierung und Archivierung. Während sich auf dem ersten Symposium 2024 vor allem sammelnde Institutionen vorgestellt hatten, kamen 2026 verstärkt Akteur*innen aus dem Kunstmarkt zu Wort, wie Auktionshäuser, Galerien und Privatsammler*innen. Das Ziel beider Symposien war es, diese Vielschichtigkeit sichtbar zu machen und eine Plattform zu schaffen, auf der die unterschiedlichen Akteurinnen miteinander ins Gespräch kommen. Insgesamt waren 50 Sprecherinnen eingeladen, ihre Perspektiven auf die Fotografie zu präsentieren. Die generationsübergreifende Vielstimmigkeit machte München als einen Ort erfahrbar, an dem Fotografie als ein äußerst vielgestaltiges kulturelles und gesellschaftliches Themenfeld in Erscheinung tritt.

Ausgangspunkt der Symposien war nicht zuletzt auch unsere eigene Konstellation: Als Veranstalterinnen vertreten wir vier unterschiedliche Münchner Institutionen mit jeweils eigenen fotografischen Zugriffen und Narrativen. Zugleich verbindet uns dieselbe Leidenschaft für das Medium, die Verantwortung für seine Erforschung, Bewahrung und Institutionalisierung, mit dem Ziel, seine Geschichte zu vermitteln und seine forschungsgeschichtliche Entwicklung aktiv mitzugestalten. Darüber hinaus haben wir fast gleichzeitig in München unsere Stellen angetreten. Die Vorbereitung der Symposien entstand deshalb aus dem Wunsch nach Orientierung: Welche Strukturen und Sammlungen gibt es an den unterschiedlichen Orten für die Fotografie in der Stadt? Welche Erzählungen prägen sie? Und wie lassen sich diese miteinander in Beziehung setzen?

Plakat mit stilisierter Figur in schwarzem Umhang vor grünem Hintergrund und Text zu Münchens Photo-Stadt mit Öffnungszeiten und Standort
Abb. 3: Walter Tafelmaier, München die Photo-Stadt, gestern heute und morgen, Plakat zur Eröffnung des Foto- und Filmmuseums im Münchner Stadtmuseum 1963, Münchner Stadtmuseum

München die Photostadt – gestern, heute, morgen hat das neu gegründete Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum seine Eröffnungsausstellung 1963 betitelt. Aufbauend auf den historisch gewachsenen Beiträgen des Stadtmuseums, des Deutschen Museums sowie einzelner Studien und Forschungsinitiativen möchten wir unsere „Fotostadt“ noch stärker als facettenreiches Gefüge aus Sammlungen, Orten und Praktiken sichtbar machen. Die damit verbundenen Fragestellungen bilden ein spannendes Aufgabenfeld, das wir in unseren jeweiligen Tätigkeitsbereichen aktiv mitgestalten und voranbringen wollen – etwa im Projekt Munich Repro des Zentralinstituts für Kunstgeschichte oder im Rahmen der Neukonzeption der Dauerausstellungen des Münchner Stadtmuseums.

München ist fraglos ein ausgewiesener Standort der Fotografie – geprägt durch seine Geschichte als Industrie- und Medienstadt, als Stadt des Produzierens, Reproduzierens und Vermittelns von Kunst, sowie durch eine ausgeprägte Tradition des Kunstsammelns, sowohl auf privater als auch auf institutioneller Ebene. Diese historischen Perspektiven bildeten zentrale Bezugspunkte unserer Auseinandersetzung. Gleichzeitig rückten auf beiden Symposien Fragen nach der Gegenwart und Zukunft der Fotografie in den Vordergrund. Im Fokus standen dabei die Zugänglichkeit, Sichtbarkeit, Archivierung und Erschließung neuer und historischer Bestände im Zuge der Digitalisierung sowie neue Technologien wie maschinelle Lernsysteme und Bildgeneratoren. Diese Entwicklungen verändern nicht nur die Produktions- und Vermittlungsbedingungen von fotografischen Bildern, auch Fragen nach Herstellung, Zirkulation und Lehre treten verstärkt und unter veränderten Vorzeichen hervor.

Publikum sitzt in einem Raum vor einer pink beleuchteten Leinwand mit dem Titel 'ROUNDTABLE' und mehreren Namen darunter
Abb. 4a: Roundtable während des Symposiums am Zentralinstitut für Kunstgeschichte am 27. November 2024 (Foto: Susanne Spieler)
Sechs Personen sitzen auf Stühlen auf einer Bühne vor einem Publikum, im Hintergrund eine Leinwand mit dem Text 'ROUND TABLE 1 Eva Felten & Lothar Schirmer & Dietmar Siegert'
Abb. 4b: Roundtable während der Symposiums in der Pinakothek der Moderne am 29. Januar 2026 (Foto: Franziska Pietsch)

Die Symposien Fotografie in München I und Fotografie in München II dokumentieren den Wandel im Umgang mit dem Fotografischen und eröffnen zugleich Perspektiven für dessen zukünftige Entwicklung. Dabei wurde deutlich: Es gibt nicht nur den einen Ort, an dem die Fotografie in München bewahrt, erforscht, gelehrt, ausgestellt, vermittelt und kontinuierlich neu verhandelt wird. Vielmehr zeigt sie sich in einem vielschichtigen Geflecht aus Sammlungen, Archiven, Hochschulen, Museen, Ausstellungsräumen, digitalen Plattformen und zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Während sich Initiativen aus Düsseldorf und Essen in der Debatte um ein Bundesinstitut für Fotografie positioniert haben, liegt unser Fokus zunächst auf der Untersuchung lokaler Besonderheiten. So lassen sich die historischen, institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Fotografischen in München sichtbar machen und die Potenziale eines bestehenden, dichten Netzwerks weiterentwickeln. Dass bereits unser erstes Symposium überregional wahrgenommen wurde und Städte wie Leipzig und Dresden die Initiative zur Vernetzung ebenfalls ergriffen haben, verstehen wir als wichtiges Signal. Gerade in der Verbindung lokaler Perspektiven entstehen neue Formen des Austauschs, die weit über einzelne Standorte hinausweisen. In diesen Synergien liegt die Chance, die Fotografie nicht nur als kulturelles Erbe zu bewahren, sondern ihre Rolle in Gegenwart und Zukunft gemeinsam weiterzudenken.

PROF. DR. SOPHIE JUNGE vertritt seit 2023 die Professur mit Schwerpunkt Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München

DR. FRANZISKA KUNZE ist Sammlungsleiterin für Fotografie und Zeitbasierte Medien an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst, Pinakothek der Moderne

DR. FRANZISKA LAMPE ist Forschungsreferentin und stellvertretende Leiterin der Photothek/Sammlungen am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München

DR. KATRIN SCHÖNEGG ist Leiterin der Sammlung Fotografie am Münchner Stadtmuseum (ehemals Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum)


WEITERFÜHREDE LINKS/LITERATUR

  • Zu den Programmen:
  1. https://www.zikg.eu/aktuelles/veranstaltungen/2024/symposium-fotografie-in-muenchen
  2. https://www.pinakothek.de/de/symposium-fotografie-in-muenchen-2

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