Im Peniswald

Larissa Kunert | Rezension von Marina Abramovićs Ausstellung Balkan Erotic Epic im Berliner Martin-Gropius-Bau, 15. April bis 23. August 2026

Gegen die Intention der Künstlerin interpretiert Rezensentin Larissa Kunert einige Arbeiten aus Marina Abramovićs Ausstellung Balkan Erotic Epic in Berlin als Parodie auf den Natürlichkeitstrend im Kunstbetrieb.

Der Witz ist ein Phänomen der Zivilisation – dies hat Sigmund Freud in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) dargelegt. Unter anderem durch Humor, der als eine Art Blitzableiter fungiert, gelingt es Menschen in einer Gesellschaft, ihre Triebe zu sublimieren, statt ihnen freien Lauf zu lassen. Vielleicht deshalb kommt der einflussreiche Teil des globalen Kunstbetriebs, in dem seit einiger Zeit antizivilisatorische Diskurse bedient und die damit verbundene Sehnsucht nach einem unvermittelten Verhältnis von Mensch und Natur zelebriert werden, selten humorvoll daher. Dies gilt etwa auch für die aktuelle Venedig-Biennale, die laut Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg einen „Tribut ans Ursprüngliche“ zollt. Die hier und in den letzten Jahren auch an vielen anderen Orten gezeigte Kunst mit folkloristischem Einschlag ist nicht nur politisch, weil sie für einen von gesellschaftlicher Entfremdung freien Naturbezug wirbt, sondern auch, weil sie implizit oder explizit den historischen Kolonialismus sowie neokolonialistische Strukturen kritisiert. Sie kann dabei anklagend, besinnlich oder auch – wie Rauterberg zufolge auf der laufenden Biennale – blühend und übermütig sein. Nur witzig ist sie für gewöhnlich nicht.

Große Skulptur in Form eines Phallus in einem Ausstellungsraum mit zwei Personen und einer schwarz-weißen Projektion von ähnlichen Skulpturen an der Wand
Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026 © Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Dass es auch anders geht, zeigt Performance-Superstar Marina Abramović aktuell in der Ausstellung Balkan Erotic Epic (15. 4. – 23. 8. 2026) im Berliner Gropius Bau. Abramović beschäftigt sich mit volkstümlichen Mythen und Ritualen und legt den Fokus hierbei als gebürtige Jugoslawin auf den Balkan. Allerdings übernimmt sie diese Traditionen nicht einfach und stellt sie aus, sondern verfremdet sie durch groteske Überzeichnung. Zumindest gilt dies für einige neuere Arbeiten, die im Gropius Bau zu sehen sind. So etwa können sich die Besucherinnen und Besucher im Raum der Videoinstallation Magic Potions (Zaubertränke, 2025) auf Baumstümpfe setzen, die zwischen meterhoch aufragenden Penisskulpturen platziert sind. Auf eine Wand ist ein Schwarz-Weiß-Video projiziert, das eine dystopisch anmutende, dunkel bewölkte und ebenfalls von erigierten Penissen durchzogene Landschaft zeigt. Von einer Wissenschaftlerin namens Elke in weißem Kittel im Video an der Wand gegenüber erfährt man, dass es sich hier um den Balkan handeln soll. Die forsche Dame mit Kurzhaarschnitt und dicker schwarzgerahmter Brille doziert mit flämischem Akzent über sexuell aufgeladene Traditionen und Rituale der Region – etwa über Männer, die mit dem Erdboden kopulieren, um eine gute Ernte einzufahren, oder Frauen, die ihre Röcke heben, um den Regen aufzuhalten.

Skulpturen in Form von übergroßen Phallusfiguren in einem Ausstellungsraum mit zwei projizierten Schwarz-weiß-Filmen an den Wänden
Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Die Videoinstallation Scaring the Gods to Stop the Rain (Die Gottheiten erschrecken, um den Regen zu beenden, 2025) im Nebenraum illustriert die von Elke beschriebenen Fruchtbarkeitsrituale. Ein Video zeigt animierte weiße Zeichnungen auf schwarzem Grund. Unter anderem geht es in dem Video um einen Liebestrank, der angeblich im 14. Jahrhundert im südlichen Dalmatien hergestellt wurde. Wenn eine Frau damals wollte, dass ihr Liebhaber oder Ehemann sie „liebe“, erklärt die Wissenschaftlerin, dann habe sie einen kleinen Fisch in ihre Vagina eingeführt und sei in diesem Zustand schlafen gegangen. Nach Ableben des Fisches am nächsten Morgen habe sie ihn aus ihrem Körper herausgenommen und zu Pulver verarbeitet. Ebendieses Pulver habe sie mit Kaffee vermischt, den sie dann dem betreffenden Mann servierte. Habe er diesen Kaffee getrunken, habe er seine Frau für immer „geliebt“. Das Video unterstreicht Elkes Aussage auf bizarre Weise: Eine Frau mit Bauernkopftuch tanzt darin mit einem erigierten Penis, der den Penisskulpturen im vorigen Raum ähnelt.

„Durch diese Parodie der wissenschaftlichen Perspektive führt Abramović uns vor Augen, wie Länder, die dem Balkan zugerechnet werden, vor allem durch einen westlichen Blick definiert wurden. In Erzählungen, Liedern und Alltagspraktiken überlieferte Wissenssysteme wurden oft als rückständig abgetan und benutzt, um die Region als Gegensatz zu einem vermeintlich rationalen, zivilisierten Westen zu konstruieren“, liest man im Begleittext zu Magic Potions. Damit stimmt Abramović im Gropius Bau in ein derzeit in der Kunstwelt populäres Narrativ ein: Traditionelle „Wissenssysteme“, die vom Westen bzw. vom Kolonialismus unterdrückt wurden, sind diesem zufolge der modernen Wissenschaft mindestens gleichgestellt, wenn nicht gar überlegen. Der Text legt nahe, dass es nicht die Intention der Künstlerin ist, sich über den Kunstbetrieb zu mokieren – vielmehr scheint sie einen aktuellen Trend affirmativ aufgreifen zu wollen. Ihre Arbeiten lassen sich freilich auch anders interpretieren: als Parodie auf eine ihres Natürlichkeitsfetischs nicht müde werdende Kunstwelt. In jedem Fall sind sie, weil sie nicht elegisch oder wütend, sondern mit – wenngleich nicht sonderlich hintergründigem – Humor versehen sind, eine Seltenheit auf dem Feld der eine fiktive Vormoderne inszenierenden Gegenwartskunst.

Einige ältere Arbeiten der Künstlerin, die in der vier Jahrzehnte umfassenden Werkschau gezeigt werden, lassen ebenfalls einen humoristischen Zugang zu den Topoi Natur, Folklore und Ursprünglichkeit erkennen. So sind unter dem Titel Spirit Cooking (Geisterküche, 1996/1997) neben Reproduktionen von mit Speichel und Fingernägeln bearbeiteten Radierungen auch Papiere mit Gedichten zu sehen, von denen einige als surreale Rezepte verstanden werden können. Ein Rezept gegen Eifersucht etwa lautet: „take 13 leaves of uncut green cabbage / 13 000 grams of jealousy / steam for a long time in a deep iron pot / until all water evaporates / eat before the attack“ (Nimm 13 Blätter ungeschnittenen Grünkohls / 13 000 Gramm Eifersucht / dämpfe [die Zutaten] lange in einem tiefen eisernen Topf / bis alles Wasser verdampft / iss [das Gericht] vor einer Attacke). Spirit Cooking hieß auch eine Performance, die Abramović 1996 in einer italienischen Galerie realisierte und in deren Zuge sie die besagten Rezept-Gedichte mit Schweineblut an die Wände schrieb. Kurz darauf gab sie ein „Kochbuch“ heraus, das die Gedichte versammelt.

Frau in schwarzem Kleid sitzt auf rotem Thron mit goldverzierten Beinen und hat eine große Schlange um Hals und Arme gewickelt
Marina Abramović, Dragon Heads I, Chromogener Abzug, 1992 © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Folgt man Sigmund Freud, so bedarf es für Humor nicht nur der Zivilisation, sondern auch der reflektierenden Distanz des Individuums. In ihren früheren Schaffensphasen negierte Abramović oft die Möglichkeit zu ebenjener reflektierenden Distanz, indem sie sich immer wieder in reale Gefahr für Leib und Leben begab. Das gilt etwa für die im Gropius Bau in einer Video-Installation gezeigte Performance Dragonheads (Drachenköpfe, 1990), für die die Künstlerin ihren Körper hungrigen Würgeschlangen aussetzte. In der Ausstellung wird außerdem an die Performances Rhythm 5 (Rhythmus 5, 1974) und Lips of Thomas (Lippen des Thomas, 1975/2005) erinnert. Für erstere legte sich Abramović in die Mitte eines brennenden Holzsterns, bis sie wegen Sauerstoffmangels ohnmächtig wurde und vom Publikum gerettet werden musste. Auch in Lips of Thomas malträtierte Abramović ihren Körper im Dienst der Kunst: Unter anderem ritzte sie sich vor Publikum ein Pentagramm in den Bauch und peitschte sich selbst so lange aus, bis sie – zumindest sah es der Performance-Plan so vor – keinen Schmerz mehr verspürte. Die Performance nahm wie Rhythm 5 mit ihrer Symbolik auf das kommunistische Jugoslawien und das orthodoxe Christentum Bezug und wurde ebenfalls vom Publikum abgebrochen – in diesem Fall, nachdem die Künstlerin sich blutend auf Eisblöcke gelegt hatte.

Von der rücksichtslosen Indienstnahme und Zurschaustellung ihres eigenen Körpers hat die 79-jährige Künstlerin offenbar mittlerweile Abstand genommen – was einen heitereren Zugang zum eigenen Schaffen erleichtern mag. Die Auseinandersetzung mit den libidinösen Aspekten nicht nur des balkanischen Volkstums, sondern auch des politischen Jugoslawiens ist dabei Hauptbestandteil ihres Werks geblieben. Dies führt auch die Arbeit Titos Funeral (Titos Beerdigung, 2025) vor Augen.

Großer historischer Saal mit Galerie und hängender Leinwand, die ein Schwarz-weiß-Foto mit mehreren Frauenporträts zeigt
Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Auf einer gigantischen Leinwand, der die Besucherinnen und Besucher des Gropius Baus schon vor dem Betreten der eigentlichen Ausstellung begegnen, führen Dutzende in Schwarz gehüllte ältere Frauen ein Trauerritual aus. Immer wieder schlagen sie sich rhythmisch mit den Fäusten gegen die Brust. Abramović selbst ist unter diesen Klageweibern. Sie ruft in dieser Arbeit eine Trauertradition auf, die in Teilen des Balkans bis heute existiert. Mit der realen Beerdigung des jugoslawischen Präsidenten hat dies allerdings nichts zu tun: Diese war ein modern und sozialistisch inszeniertes Massenspektakel. Es empfiehlt sich daher wohl, auch die anderen volkstümlichen Rituale, die Abramović in ihrer Ausstellung zeigt, historisch nicht für bare Münze zu nehmen. Abramović geht es nicht um historische Wahrheit, sondern um das ästhetische Spiel mit Praktiken und Symboliken. Und anscheinend zunehmend um Parodie – die man freilich unterschiedlich deuten kann.

Larissa Kunert, M. A., ist freie Journalistin und Doktorandin im Fach Philosophie (Ästhetik) an der Universität Kassel. Im Sommer 2026 arbeitet sie als Mitarbeiterin des DFG-Projekts „Klimagipfelkunst. Kunst und politisches Event, 1972–2022“ zu romantischem Antikapitalismus in der Gegenwartskunst.


Erwähnte Texte und weiterführende Literatur:

  • Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Frankfurt am Main 2009.
  • Kissick, Dean: The Painted Protest. How politics destroyed contemporary art. In: Harper’s Magazine. Dezember 2024, Ausgabe 12, S. 23-30.
  • Rauterberg, Hanno: Atme tief ein. In: Die Zeit, 5. Mai 2026. Online unter: https://www.zeit.de/feuilleton/kunst/2026-05/kunstbiennale-venedig-2026-ausstellung-rundgang.
  • Richards, Mary: Marina Abramović. London 2018.
  • Todorova, Maria: Imagining the Balkans. New York City 1997.

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