Begleitend zur Ausstellung unbekleidet I ausgezogen. Der Akt in der kunsthistorischen Forschung im nördlichen Lichthof des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (16.04.–02.10.2026) schreibt hier auf unserem Blog das Ausstellungsteam zu zentralen Fragen und Perspektiven der Ausstellung und führt diese weiter aus.
Greift man heute nach der Übersetzung der berühmten Studie von Kenneth Clark (1903–1983) The Nude. A Study in Ideal Form (1956)1, ist man mit einem eigentümlichen Paradoxon konfrontiert: Clarks Buch, das auf seinen ersten Seiten erklärt, warum sein Gegenstand nicht das „naked“, sondern das „nude“ sei, trägt im Deutschen ausgerechnet den Titel: Das Nackte in der Kunst.2 Die ebenso einflussreiche wie oft kritisierte Überblicksdarstellung wird in diesem Jahr siebzig Jahre alt. Eine Auseinandersetzung mit ihrer Rezeptionsgeschichte sowie Übersetzung bleibt, wie sich zeigen wird, produktiv.

Nackt oder Akt?
Clarks Formulierung der Unterscheidung zwischen „naked“ und „nude“ gehört wohl zu den meistzitierten Passagen der kunsthistorischen Forschungsgeschichte des Aktes und findet sich bereits im ersten Absatz seiner Studie: „The English language, with its elaborate generosity, distinguishes between the naked and the nude“3. Das Wort „naked“ impliziert für Clark einen Unterton jener Verlegenheit, die, wie er schreibt, die meisten Menschen in diesem Zustand empfinden. Das Wort „nude“ dagegen führe – „in educated usage“4.– keinen unangenehmen Unterton mit sich und rufe vielmehr einen durch Kunst legitimierten und neu geformten Körper auf, „the body re-formed“5. Wer so schreibt, bedient ein kennerschaftliches Register, ein auf Geschmack und Erfahrung gegründetes Urteil der Kunstwissenschaft. Dazu gehört freilich auch eine feine Ironie, die sich auftut, wenn Clark einräumt, das Wort „nude“ sei den Engländern im frühen 18. Jahrhundert von Kritikern regelrecht ins Vokabular gezwungen worden, um den „kunstlosen Insulanern“6 beizubringen, dass der unbekleidete Körper das zentrale Thema der Kunst sei.
Eine stille Erweiterung
Wie aber übersetzt man diesen Begriff ins Deutsche, wo mit „Akt“ bereits ein etablierter Terminus zur Verfügung stand? Die Übersetzerin von The Nude, Hanna Kiel (1898–1988) – die ab 1939 in Florenz lebende deutsche Kunsthistorikerin und Übersetzerin des US-amerikanischen Kunsthistorikers Bernard Berenson (1865–1959), dem Clark sein Buch gewidmet hat – entschied sich 1958 für eine stille Erweiterung: „Die englische wie die deutsche Sprache unterscheiden […] zwischen dem Nackten und dem Akt“7. Aus einer Beobachtung über das Englische wird eine Behauptung über das Deutsche – und aus „naked/nude“ das Paar „nackt/Akt“. Die Gleichstellung beider Sprachen in der betreffenden Vokabel „nude/Akt“, deren Eigenheit Clark ausdrücklich dem Englischen zuschreibt, nivelliert die unterschiedlichen Begriffsgeschichten: Clark charakterisiert „nude“ als einen im gebildeten Sprachgebrauch etablierten, nicht pejorativ besetzten Ausdruck, der bei ihm zugleich einen kulturell und ästhetisch geformten Zustand des Körpers bezeichnet. „Akt“ hingegen entstammt der deutschen Kunstterminologie und bezog sich ursprünglich auf die künstlerische Übung, die Darstellung beziehungsweise die daraus hervorgegangene Gattung.

Kiel konnte dabei auf eine bereits etablierte Übersetzungskonvention zurückgreifen: Jean Cassous Le Nu dans la peinture européenne etwa erschien 1952, im Jahr des französischen Originals, als Der Akt in der Malerei in Zürich auf Deutsch. Und noch die 2006 erschienene deutsche Ausgabe von Georges Didi-Hubermans Ouvrir Vénus lässt Clark „den Akt von seiner Nacktheit“8 isolieren.
Gegenlektüren
Einwände gegen Clarks Paradigma kamen aus unterschiedlichen Richtungen, und immer wieder war die benannte Unterscheidung „nude“/„naked“ selbst Ziel der Kritik: 1972 postulierte John Berger in seinem ebenfalls viel rezipierten Buch Ways of Seeing: „Nackt sein heißt, man selbst sein. Akt sein heißt, von anderen nackt gesehen und doch nicht als man selbst erkannt werden“ – und weiter: „Der Akt ist dazu verdammt, niemals nackt zu sein. Das Aktsein ist eine Form der Bekleidung“9. Im europäischen Aktgemälde, so Bergers verallgemeinernde These, sei der ideale Betrachter des Bildes immer als Mann vorausgesetzt.
Zwanzig Jahre später unterzog Lynda Nead Clarks Paradigma in The Female Nude einer dezidiert feministischen Kritik: Für sie ist der Schritt vom Nackten zum Akt kein qualitativer Aufstieg, sondern ein Eingriff, der Übergang „vom Tatsächlichen zum Idealen“, von der ungeformten Körpermaterie hin zu einer begrenzenden Einheit, zur „regulierten Ökonomie der Kunst“10. Eines der Hauptanliegen des weiblichen Aktes in der Kunst sei „die Eindämmung und Regulierung des weiblichen sexuellen Körpers“11 gewesen. Die ideale Form adle den Körper nicht nur, sie zeige ihm zugleich seine Grenzen auf.
Georges Didi-Huberman lieferte schließlich eine psychoanalytische Lesart. Er erkennt in Clarks Trennung von „naked“ und „nude“ jenen Abwehrmechanismus, den Sigmund Freud „Isolierung“ nannte – eine „magische Technik“. Clark setze „einen psychischen Verteidigungsmechanismus in Gang“, „wenn er den Akt von seiner Nacktheit isoliert, um für ihn den Status der idealen Form zu postulieren“12. Venus öffnen heißt Didi-Hubermans Text und argumentiert damit gegen Clarks verschließende Deutung des Aktes, um zu offenbaren, was die ideale Form abwehrt: das Begehren, die Wunde, die Grausamkeit.
Siebzig Jahre nach der Veröffentlichung von The Nude. A Study in Ideal Form ist Clarks Unterscheidung weder vom Tisch noch ungebrochen akzeptiert. Frances Borzello stellt sie noch 2012 mit dem Titel The Naked Nude pointiert infrage, wenn es in ihrem Buch um zeitgenössische Aktdarstellungen geht.13 Die Ausstellung „unbekleidet | ausgezogen“ am ZI beleuchtet diese komplexe Forschungsgeschichte und so auch die hierarchische Wertung, die Clark in seinem Begriffspaar angelegt hatte. Clarks Buch steht seit siebzig Jahren in der Kritik und doch wird man seine Begriffe nicht los. Auch das ist, mit Berger gesprochen, eine Form der Bekleidung.
ELIAS NEUHAUS, M.A., ist Mitarbeiter in der Abteilung der Direktion des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und hat an der Ausstellung unbekleidet | ausgezogen: Der Akt in der kunsthistorischen Forschung mitgewirkt.
- Der Untertitel variiert zwischen den beiden Erstausgaben von 1956: Die amerikanische Ausgabe (New York, Bollingen Series XXXV.2) trägt A Study in Ideal Form, die britische bei John Murray A Study of Ideal Art. ↩︎
- The Nude, hervorgegangen aus den im Frühjahr 1953 gehaltenen Mellon Lectures und 1956 in London und New York erschienen, lag schon zwei Jahre später als Das Nackte in der Kunst auf Deutsch vor (Kenneth Clark: Das Nackte in der Kunst, übers. von Hanna Kiel, Köln 1958). ↩︎
- Kenneth Clark: The Nude. A Study of Ideal Art, Harmondsworth 1985, S. 1. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd.; Übers. d. Verf. ↩︎
- Clark 1958, S. 3. ↩︎
- Georges Didi-Huberman: Venus öffnen. Nacktheit, Traum, Grausamkeit, übers. von Mona Belkhodja und Marcus Coelen, Zürich/Berlin 2006 [frz. 1999], S. 31. ↩︎
- John Berger: Ways of Seeing, London 1972, S. 54; Übers. d. Verf. ↩︎
- Lynda Nead: The Female Nude. Art, Obscenity and Sexuality, London/New York 1992, S. 14; Übers. d. Verf. ↩︎
- Ebd., S. 6; Übers. d. Verf. ↩︎
- Didi-Huberman 2006, S. 31 f. ↩︎
- Frances Borzello: The Naked Nude, London 2012. ↩︎


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