Jenna Paratte über die Donation Glicksman: Der Weg einer Schenkung von Los Angeles in die Schweiz

Zwei ältere Personen sitzen nebeneinander vor gelbem Hintergrund, die Frau trägt eine Brille am Hals und einen Pullover, der Mann trägt Sakko und Hemd und lächelt

Im Jahr 2023 erhielt das Kunsthaus Biel (KBCB) in der Schweiz Objekte aus einer umfangreichen und heterogen angelegten Schenkung des in Los Angeles lebenden Sammlerpaars Hal und Mary Ann Glicksman. Hal Glicksman (*1937) war nicht zuletzt als Kurator ein wichtiger Akteur in der Kunstszene von Los Angeles, wodurch die Schenkung zugleich seine berufliche Praxis und sein Netzwerk widerspiegelt. Diese Schenkung wirft zahlreiche Fragen auf, da sie sehr unterschiedliche Materialien umfasst, darunter Archivdokumente, Kunstwerke, Bücher und Ephemera. Damit handelt es sich weniger um eine Kunstsammlung im klassischen Sinne als vielmehr um ein Konvolut materieller Zeugnisse zur Entwicklung der kalifornischen Kunstszene zwischen 1963 und 1978.

Die Schenkung bringt somit kuratorische und methodologische Fragestellungen mit sich, insbesondere hinsichtlich der Klassifizierung und Relevanz eines Konvoluts aus der kalifornischen Kunstszene innerhalb einer Schweizer Institution.

Hal Glicksman (*1937) hat mit seiner kühnen Programmgestaltung an der Pomona College Art Gallery in Irvine (University of California) sowie an der Otis Art Institute Gallery wesentlich zur Entwicklung der Los Angeleser Kunstszene der 1960er- und 1970er-Jahre beigetragen.

Paul Bernard, Lionel Bovier et al., Donation Glicksman, récits californiens 1960–1970, Genf: MAMCO, 2024, S. 18

Hal Glicksman und Mary Ann Duganne, KBCB, Biel/Bienne, Foto: Adrian Reusser | Hintergrundbearbeitung: Zentralinstitut für Kunstgeschichte.

Hal Glicksman traf Paul Bernard, den heutigen Direktor des Kunsthauses Biel, im Jahr 2022 im Rahmen der Ausstellung Se souvenir du présent, esprits de l’assemblage, die 2021–2022 im Centre régional d’art contemporain (CRAC) in Montbéliard (Frankreich) gezeigt wurde. Bei dieser Gelegenheit tauschten sich die beiden insbesondere über Künstler wie Guy de Cointet (1934–1983) aus und entdeckten dabei gemeinsame Interessen und Perspektiven. Im Laufe desselben Jahres nahm Glicksman erneut Kontakt mit Paul Bernard auf und übergab eine erste Schenkung an das Musée d’art moderne et contemporain de Genève (MAMCO). Rund zwei Jahre später folgte eine zweite Schenkung, die zwischen dem MAMCO und dem KBCB aufgeteilt wurde, da Paul Bernard zeitgleich die Direktion des Kunsthauses Biel innehatte.

Im Anschluss an die Schenkungen erschien die Publikation Donation Glicksman, récits californiens 1960–1970 (Bernard und Bovier, 2024), die sich dezidiert mit den Objekten der Sammlung beschäftigt. Darin werden Kategorien zur Klassifizierung der Objekte entwickelt. Die sechs zentralen thematischen Schwerpunkte sind Objektgruppen, die sich bestimmten künstlerischen Kontexten zuordnen lassen: Beat Generation, Assemblage, Pop Images, Light and Space, Institutionskritik sowie die Künstlergruppe Los Four. Auf Basis dieser thematischen Schwerpunkte und einzelner Objekte sind verschiedene Kunst- und Forschungsprojekte entstanden.

So wurden im Lokal-Int in Biel zunächst in chronologischer Reihenfolge Werke und Dokumente des Künstlers Ben Talbert aus der Schenkung Glicksman präsentiert. Der Künstler Mathias Pfund (*1992) wurde 2024 vom Kunsthaus Biel eingeladen, sich in einer künstlerischen Intervention mit Arbeiten von Dan Flavin aus der Sammlung Glicksman auseinanderzusetzen und diese neu zu kontextualisieren. Die Universität Neuenburg kooperiert mit dem KBCB in zwei Projekten: Einem Projekt zur Institutionskritik (Michael Asher, Maria Nordman oder Larry Bell) im Rahmen der Ausstellung The Rude Museum (2025) und einem Projekt zur kalifornischen Assemblage The Beat of Assemblage (2026) (Wallace Berman, George Herms oder Fred Mason). Die Künstlergruppe Los Four ist derzeit Gegenstand laufender Forschungsarbeiten.

Hal Glicksman spielte eine wichtige Rolle bei der institutionellen Anerkennung der kalifornischen Assemblage. Mit Werken von Delphine Coindet und weiteren Positionen ist die Assemblage bereits in der Sammlung des Kunsthauses vertreten. Ziel der Studierenden des Studiengangs Museologie an der Universität Neuenburg war es daher, die zur Assemblage gehörenden Objekte der Schenkung möglichst umfassend zu dokumentieren und auf dieser Grundlage gemeinsam mit dem Team des Kunsthauses Biel die Ausstellung The Beat of Assemblage zu konzipieren. Diese Ausstellung diente zugleich als zentraler Ausgangspunkt eines künstlerischen Projekts. Hierfür lud das Kunsthaus Biel mehrere Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit dem Thema der Assemblage auseinanderzusetzen, darunter Stéphanie Cherpin (*1979), Delphine Coindet (*1969), Anita Molinero (*1953) und Marietta Schenk (*1985). Das Thema der Ausstellung bot die Gelegenheit, dem aus Wien stammenden und in Biel verstorbenen Künstler Peter Začek (1962–2024) mit der Präsentation einiger seiner Assemblage-Arbeiten aus der Museumssammlung zu gedenken. Die Werke dieser Künstlerinnen und Künstler traten in einen Dialog mit dem kalifornischen Teil der Schenkung und hinterfragten insbesondere die Rolle von Künstlerinnen in der damaligen Kunstszene.

Die Sichtbarkeit in der Kunstgeschichte bislang marginalisierter Positionen stellte einen wiederkehrenden thematischen Schwerpunkt der verschiedenen Projekte dar, insbesondere im ersten Kooperationsprojekt mit der Universität, welches die Arbeiten von Künstlerinnen wie den Guerrilla Girls, Judy Chicago oder Julia Scher im Kontext der Institutionskritik hervorhob.

Die Ausstellung The Beat of Assemblage im Kunsthaus Biel (20. Februar–17. Mai 2026) machte das Potenzial der Schenkung Glicksman sichtbar, neue Perspektiven auf die bestehende Sammlung zu eröffnen, die vor der Schenkung im Wesentlichen aus Werken regionaler Künstler bestand. Sie ermöglichte es zudem, Fragen nach Repräsentation, zur Bildung eines Kanons und zur Sichtbarkeit marginalisierter Positionen in einem neuen Licht zu betrachten.


JENNA PARATTE, M.A., begleitete als Sammlungsverantwortliche des KBCB die Masterstudierenden des Studiengangs Museologie der Universität Neuenburg bei der Konzeption der Ausstellung The Beat of Assemblage, die auf der Sammlung des KBCB basiert. Die Ausstellung war vom 20. Februar bis zum 17. Mai 2026 im Kunsthaus Biel zu sehen. Von April bis Juli 2025 absolvierte Jenna Paratte ein Praktikum am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.

Orangener Plakat mit schwarzer Schrift 'DONATION GLICKS MAN' und einer schwarzen Zeichnung eines Luftschiffs darunter.

LESETIPP

Herausgeber·in: Kunsthaus Biel Centre d’art Bienne und MAMCO Genève | Texte: Paul Bernard, Lionel Bovier, Sophie Costes, Julien Fronsacq, Anne Griffon-Selle, Gala Mayí-Miranda, Jenna Paratte, Laura Weber | Design: Gavillet & Cie / Devaud | Sprachen: EN/FR | Details: Softcover, 16×23cm, 136 pages (ill.) | ISBN: 978-2-940656-12-7

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Weiterführende Literatur

  • Ausst. Kat.: It happened at Pomona: art at the edge of Los Angeles 1969–1973, Pomona, Pomona College Museum of Art, 30. August 2011–13. Mai 2012, hrsg. von Rebecca McGrew und Glenn Phillips, Claremont, CA: Pomona College Museum of Art, 2011.
  • Anne Giffon-Selle: Les astronautes du dedans: l’assemblage californien, 1950–1970, Genève: MAMCO; Dijon: Les presses du réel, 2017.
  • Ausst. Kat.: Light + space, Kopenhagen, Copenhagen Contemporary, 3. Dezember 2021–4. September 2022, hrsg. von Robert Irwin, Köln: Buchhandlung Walther König, 2022.
  • Anne Bénichou: Des espaces monographiques au sein des collections muséales : déléguer ou produire une pensée et une pratique critiques de la collection ? , in: Muséologies. Les cahiers d’études supérieures, Bd. 5, Nr. 1, 2010, S. 40–83.
  • Ausst. Kat.:The art of assemblage, New York, Museum of Modern Art, 2. Oktober–12. November 1961; Dallas, Museum for Contemporary Arts, 9. Januar–11. Februar 1962; San Francisco, San Francisco Museum of Art, 5. März–15. April 1962, hrsg. von William C. Seitz, New York: The Museum of Modern Art; Garden City, NY: Doubleday and Company, Inc., 1961.

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