Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet in der Literatur, die sich dem Themenfeld der bildenden Kunst widmet, immer wieder blinde oder sehschwache Akteure auftauchen. Man denke an den Kunstgeschichtsprofessor Herzberg in Siri Hustvedts Was ich liebte. Ist das verhinderte Sehen der Inbegriff der elementaren Gefahren für die sogenannten ‚Augenmenschen‘? Im Unterschied zum ertaubenden Ludwig van Beethoven, der noch immer komponieren konnte, ist das beeinträchtigte oder zerstörte Sehvermögen in der Kunst ein weitreichendes Schaffenshindernis. Oder ist das Motiv des Sehverlusts vielmehr als Metapher zu werten? Man möchte meinen, dass hinter dem Erblinden einer literarischen Künstlergestalt auch oder primär eine dichterisch sublimierte Form des Entziehens stehe, ein Ausstieg aus dem so polyvalenten System der Kunst, des Marktes, des Ruhmes. Blind für etwas zu sein, das bedeutet natürlich auch, dieses ‚Etwas‘ nicht sehen zu wollen.
Daniel Kehlmann baut seinen 2003 publizierten Roman Ich und Kaminski – schon der Titel mit dem vorangestellten ‚Ich‘ unterläuft die mitteleuropäischen Bescheidenheitsgebote, eine erste pikante Infragestellung aller Konventionen des guten Anstands – über der Polarität zweier wesentlicher Figuren auf: Der Ich-Erzähler ist ein nicht reüssierender ehemaliger Kunststudent und jetziger Kunsthistoriker, der sich in den Kopf gesetzt hat, seine Laufbahn ersatzweise durch das Schreiben einer Biografie über einen alten, erblindeten Maler, Manuel Kaminski, zu meistern. Die literarische Gestalt des gescheiterten jungen Künstlers will sich also auf die Schleppe eines einstmals berühmten Malers setzen.
Wechseln wir den Blick: Endete die Laufbahn des Malers Kaminski bei Daniel Kehlmann mit einer Werkgruppe im New Yorker Museum of Modern Art, so besiegelt in Kristof Magnussons Ein Mann der Kunst eine Retrospektive im Guggenheim Museum die Unwiderruflichkeit des künstlerischen Ruhmes. Es ist für Literaten evident, dass die Krönung von Künstlerbiografien in den Vereinigten Staaten erfolgt und nicht in europäischen Museen.
(Angepasster Textauszug zu Daniel Kehlmanns Bestseller Ich und Kaminski aus Im Spott-Licht. Der moderne Kunstbetrieb in der Literatur, 2026)
PROF. DR. BERNHARD MAAZ studierte unter anderem Kunstgeschichte, war von 1986 an an den Staatlichen Museen zu Berlin tätig, zuletzt als stellvertretender Direktor der Nationalgalerie, dann 2010–2015 Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und des Kupferstich-Kabinetts in Dresden sowie von 2015 bis 2025 Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München.
Warum schreiben so viele Autorinnen und Autoren über den heutigen Kunstbetrieb? Was denken und wissen sie über die Welt der Ateliers, Galerien und Museen? Die Neuerscheinung „Im Spott-Licht“ von Bernhard Maaz, erschienen bei Klinkhardt & Biermann erkundet die realistischen, heiteren und ironischen Spiegelungen der Kunstszene in der Literatur der letzten Jahrzehnte. Im Fokus stehen Texte von Schriftstellern wie Wolfgang Hildesheimer, Albert Camus, Botho Strauß, Thomas Bernhard, Joost Zwagerman, Martin Suter, Siri Hustvedt, Yasmina Reza, Daniel Kehlmann und Michel Houellebecq, um nur eine Auswahl zu nennen.
Das in mehr als einem Jahrzehnt entstandene Buch entfaltet in 31 Kapiteln ein Panorama des Kunstbetriebs, der nicht nur hehre Ziele und moralische Redlichkeit, sondern auch List und Hinterlist, Fake und Fälschung, Mittelmaß und Rollenspiel kennt. Wie sagte der Aphoristiker Jean Paul in seinen Bemerkungen über den Menschen: „Nur der Dichter und Philosoph sieht die Torheit im Allgemeinen und überall – der Geschäftsmann sieht nur die Torheiten und Abweichungen seines Gewerbs, seiner Kaste, der Jurist juristische; aber nicht das allgemeine Törichte, das allen Menschen zum Grunde liegt.“ Tugenden und Torheiten des modernen Kunstbetriebs wurden mannigfaltig und häufig erheiternd literarisiert.
Die zugrundeliegenden Blickrichtungen sind vielfältig und künden sich an in Kapitelüberschriften wie „Künstlerverunsicherungen“ (zu Hanya Yanagihara), „Giftige Blüten und giftige Menschen“ (zu Annalena McAfee), „Der unbekannte Berühmte“ (zu William Boyd), „Totsagung im Haifischbecken“ (zu Stefan à Wengen) oder „Der Journalist als getöteter Vernichter“ (zu Hans Platzgumer): Immer geht es um Menschen im Kunstbetrieb, ihr Handeln, ihre Moral.
Bernhard Maaz: Im Spott-Licht : Der moderne Kunstbetrieb in der Literatur, München, 2026


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