Anna Grelik | Rezension der Ausstellung „Robotron – Arbeiterklasse und Intelligenz“ im Hartware MedienKunstVerein (Dortmund), 14. März – 26. Juli 2026
Es gibt eine Redewendung, die das Thema der Ausstellung Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (HMKV) überraschend genau trifft: Über vergossene Milch lohnt es nicht zu klagen. Was einmal verschüttet ist, lässt sich nie mehr zurück in die Flasche gießen. Das kuratorische Team, bestehend aus Inke Arns (HMKV), Sabine Weier (Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, GfZK), Jan Wenzel (Spector Books, Leipzig), Mathias Wittmann (HMKV) und Franciska Zólyom (GfZK), nahmen diesen Gedanken für die Ausstellung in Dortmund sehr ernst. Von Oktober 2025 bis Mitte Februar 2026 war die Ausstellung – unter dem Titel „Robotron. Code und Utopie“ – bereits in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig zu sehen, wo die Geschichte und die technologischen Entwicklungen des VEB-Kombinats1 im Kontext der sächsischen Mikroelektronik und der DDR-Industriegeschichte medial, diskursiv und im regionalen Geschichtsbewusstsein besonders präsent sind.
Das am 1. April 1969 gegründete Kombinat war der größte Computerhersteller der DDR und galt als Versuch, in der Computertechnik und Mikroelektronik technologische Unabhängigkeit vom westlichen Markt zu erlangen. Nach dem Mauerfall wurde Robotron zum 1. Juli 1990 aufgelöst. Die Ausstellung rekonstruiert die Geschichte des Unternehmens weder als nostalgische Erfolgsgeschichte noch als Chronik technischen und politischen Scheiterns. Sie fragt vielmehr, was von einem Zukunftsversprechen übrigbleibt, wenn seine politischen und ökonomischen Voraussetzungen verschwunden sind.
Die offene Gestaltung des HMKV ließ zu, dass sich die Besucher*innen ohne jede Vorgabe durch die Präsentation bewegen und durch die Sichtachsen unterschiedliche Bezüge zwischen den Werken herstellen konnten. Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz entfaltete sich als ein Geflecht aus 20 künstlerischen Positionen, die anhand von Installationen, Fotografien (darunter auch historische Archivdokumente), filmischen und grafischen Arbeiten Entwicklungen in der Industrielandschaft der ostdeutschen Bezirke in den Blick nahmen. An Stelle der Technik zielte die Ausstellung auf die politischen, sozialen und materiellen Bedingungen ab, unter denen sie überhaupt erst entstehen konnte.

Diese Perspektive wird bereits zu Beginn deutlich. Nadja Buttendorfs (*1984) Webserie Robotron – A Tech Opera (2018 – fortlaufend) arbeitet bewusst mit der Ästhetik selbstproduzierter (sog. DIY-) Internetvideos und erzählt Robotrons nicht-abgeschlossene Vergangenheit. Ihre Videos verschränken familiäre Erinnerung, Fiktionen und historische Fragmente miteinander. So wird die Geschichte des Kombinats als widersprüchliches Gefüge sichtbar: zwischen sozialistischem Fortschrittsanspruch und materieller Begrenzung, zwischen historischer Rekonstruktion und fiktionaler Zuspitzung. Buttendorf spielt alle Rollen selbst und entwickelt die Serie anhand der drei Charaktere Kollegin H, Kollegin M und Kollegin X. Letztere kommentiert die alltäglichen Geschehnisse um Kollegin H und Kollegin M und soll stellvertretend das sozialistische Kollektiv personifizieren. Im Sinne der „vergossenen Milch“ richtet sich der Blick nicht auf eine wiederherzustellende verlorene Zukunft, sondern auf materielle Spuren, Erinnerungen und Erzählreste, die nur fragmentarisch zugänglich sind (Balke, Fahle, Urban,2020, S. 9-11). Das zeigt sich etwa in der Pre-Folge zu den „Squiggle Eyebrows“(2018), in der ein Instagram-Trend aus dem Jahr 2017 auf die DDR zurückgeführt und damit historisch umcodiert wird. 2
Die in der Ausstellung gezeigten Positionen spannen einen zeitlichen Bogen von in der DDR entstandenen fotografischen und grafischen Werken der 1970er und 1980er Jahre über nachwendische Reflexionen der 1990er und 2000er Jahre bis hin zu explizit auf Robotron bezogene medienkünstlerische Arbeiten, die in den 2020er Jahren entstanden sind. So sind Kybernetische Studien und computergestützte Grafiken, wie die von Karl-Heinz Adler unter den künstlerischen Positionen zu finden. Ihr Fokus liegt weniger auf den zeichnenden Maschinen als auf der menschlichen Arbeit und den sozialen Bedingungen, die die technische Entwicklung ermöglichen. Ruth Wolf-Rehfeldts Schreibmaschinenarbeiten und A. R. Pencks Zeichnungen zeigen etwa, dass Technologie nie unabhängig von politischen Ordnungen existiert. Noch deutlicher wird dies in den historischen Fotografien aus dem von Ramona Schacht und Luca Bublik erschlossenen Bildarchiv der Leipziger Fotografin Rita Große, die DDR-Arbeiterinnen abgelichtet hat. Ergänzt durch Arbeiten von Tina Bara, Irma Markulin und Marion Wenzel entsteht ein Gegenbild zu den Selbstdarstellungen sozialistischer Produktionsgemeinschaften. Statt heroischer Arbeitskollektive erscheinen Menschen in verschmutzten Werkhallen, zwischen Maschinen, unter gesundheitlicher Belastung und in einer sichtbar veralteten Infrastruktur. Die Ausstellung erinnert damit daran, dass technische Innovation eine Geschichte von Erfindungen aber eben auch eine von Verlusten (Reckwitz., 2024, S. 15, 108, 171-173) und von körperlicher Arbeit (Crawford, 2025 S. 59-96) ist.
Die Ausstellung behandelt das VEB-Kombinat Robotron als Symptom einer größeren ostdeutschen Industrie- und Wissensgeschichte, in der technischer Fortschritt als Ergebnis politischer (kybernetischer) Steuerung (Nosthoff, 2026, S. 22/ Maschewski/Nosthoff, 2024, S. 53), institutioneller Organisation, internationalen Wissenstransfers und menschlicher Arbeit erscheint. Damit wird die gängige Gegenüberstellung von technischem Erfolg und wirtschaftlichem Scheitern relativiert. Im Fokus steht hier vielmehr die Frage, unter welchen gesellschaftlichen, materiellen und politischen Bedingungen der Anspruch auf eine vom kapitalistischen Westen möglichst unabhängige Mikroelektronikindustrie überhaupt aufrechterhalten werden konnte.
Diese Gedanken verhandelt Antye Guenther mit ihrer spekulativen Arbeit zum Toshiba-Skandal,3 während die Videoinstallation von Sandra Schäfer die Ausstellung in Richtung Gegenwart erweitert und sich mit Rationalisierung von Arbeit und den Kontrollversprechen kybernetischer Systeme auseinandersetzt. Doch mit steigender Produktivität steigt auch der Rohstoff- und Energiebedarf. Diesen Zusammenhang thematisiert die Videotrilogie von Su Yu Hsin, indem sie den Blick auf die Wasserinfrastruktur als Voraussetzung globaler Halbleiterproduktion richtet. Die Installation von knowbotiq (Yvonne Wilhelm, Christian Huebler) führt diese Perspektive weiter, indem sie die scheinbar sterile Welt der Hightech-Produktion mit Fragen nach Rohstoffgewinnung, Extraktion und geopolitischer Gewalt verbindet. Der „Reinraum“ wird so zur treffenden Metapher einer Industrie, deren saubere Oberfläche ihre eigenen materiellen Voraussetzungen unsichtbar macht.
Vor diesem Hintergrund wird die 5 Meter lange Ölskizze zu Werner Tübkes monumentalem Gemälde Arbeiterklasse und Intelligenz (1970–1973) – das 14 Meter lange Werk ist in der Universität Leipzig zu sehen – durch die anderen Positionen der Ausstellung produktiv konterkariert. Während Tübke die offizielle sozialistische Utopie einer Einheit von Arbeit, Wissenschaft und Technik in eine übervolle, fast manieristische Bildordnung übersetzt, zeigt die Ausstellung die Widersprüche und Spannungen, aber auch die Brüchigkeit dieses Projekts. Robotron erscheint so als historischer Knotenpunkt, an dem sich Utopie, technische Ambition und politisches Scheitern kreuzen.

Das VEB-Kombinat wurde innerhalb der Ausstellung zum historischen Beispiel einer Entwicklung, die sich heute unter globalisierten Bedingungen fortsetzt. Zu Zeiten des Systemkonflikts zwischen Ost und West wurden Computersysteme zunehmend in der Verwaltung sowie in die Arbeits- und schließlich in die persönliche Alltagswelt eingeführt.
Zwischen Chipfabriken, Kybernetik und neuen industriepolitischen Aufbrüchen wirkt die Geschichte Robotrons, wie sie in der HMKV- und GfZK-Ausstellung sichtbar wird, überraschend gegenwärtig. Unsere Gegenwart lässt sich als eine der Verluste lesen: Jede technische Zukunft hinterlässt Spuren, die sich nicht einfach rückgängig machen lassen (Reckwitz). Die vergossene Milch liegt vor uns – in Form materieller Relikte, infrastruktureller Spuren, archivierter Bilder, umgenutzter Gebäude und Erinnerungen.
ANNA GRELIK [>>] M.A. ist Kunsthistorikerin, promoviert im Fach Kunstgeschichte zu „Beziehungsgeflechte – infrastrukturelle, dokumentarische und forschende Praktiken in Kunst mit Künstlicher Intelligenz“ und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe „Kunst, Umwelt, Ökologie“ [>>] am ZI.
Erwähnte Texte und weiterführende Literatur:
- Arns, Inke/Weier, Sabine/Wenzel, Jan/Zólyom, Franciska: Robotron. Code und Utopie, Leipzig, 2026.
- Balke, Friedrich/ Fahle, Oliver/ Urban, Annette: Durchbrochene Ordnungen, Bielefeld 2020.
- Biet, Marion/Hecktor, Jana/Kolmfaß, Vanessa/Richter, Tilman/Schade, Julia: Dokumentwerden. Zeitlicheit, Arbeit, Materialisierung, Bielefeld 2024.
- Crawford, Kate: Der Atlas der KI. Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien, München 2024.
- Maschweski, Felix/Nosthoff, Anna-Verena: „Algorithmus“, in: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/ Lemke, Thommas: Glossar der Gegenwart 2.0, Berlin 2024, S. 46-57.
- Nosthoff, Anna-Verena: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst, Berlin, 2026.
- Reckwitz, Andreas: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Frankfurt a.M. 2024.
- Unter einem Kombinat (lat. Combinatus „vereinigt“) verstand man in sozialistischen Staaten den Zusammenschluss eng kooperierender Industriebetriebe zu einem zentral geleiteten Großbetrieb. In ihrer organisatorischen Struktur wiesen Kombinate teilweise Parallelen zu Konzernen in marktwissenschaftlichen Systemen auf, unterschieden sich jedoch grundlegend durch ihre Einbindung in staatliche Planwirtschaft. Kombinate in der DDR konnten nicht als autonome Unternehmen am Markt agieren, sondern waren Teil einer zentral gelenkten Wirtschaftsordnung, die primär durch staatliche Planvorgaben und Kontrollinstanzen gekennzeichnet war. ↩︎
- Vgl.: Buttendorff, Nadja: Robotron – a tech opera | PRE-FOLGE: emotianal eyebrows (room tour & squiggle eyebrows) omg, YouTube, hochgeladen am: 30.08.2018: https://www.youtube.com/watch?v=SAVEQbWXwzs [letzter Aufruf: 28.10.2026] ↩︎
- International machte der Skandal im Frühjahr 1987 Furore. Es gab strenge westliche Exportverbote (CoCom-Embargo), sodass moderne Computer- und Chip-Technologie nicht an Ostdeutschland verkauft werden durfte. Vgl.: Insel, Volker: Illegaler Technologietransfer im Kalten Krieg. Toshiba und die Erfurter Müllkippe, 24. Oktober 2023, 5:00 Uhr: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/kalter-krieg/toshiba-spionage-mikrochip-halbleiter-erfurt-100.html [letzter Aufruf: 28.10.2026] ↩︎
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