Birgit Jooss zu komplizierten Tauschgeschäften der Kunsthandlung Julius Böhler

Die Geschäftsunterlagen der Münchner Kunsthandlung Julius Böhler offenbaren immer wieder Überraschungen. Derzeit werden die Karteikarten der Kunsthandlung in einer Datenbank erfasst, um sie für die Forschung besser nutzbar zu machen. Neben den Herausforderungen, die die manchmal nur schwer lesbaren, handschriftlichen Eintragungen mit sich bringen, geht es auch darum, die Informationen möglichst so aufzubereiten, dass Kunstwerke sowie die in ihren Handel involvierten Akteure eindeutig identifiziert werden können. Da aber die Karteien mit ihren Vermerken der Kunsthandlung nur als internes Nachweisinstrument dienten, die nicht für die Veröffentlichung – etwa in einem Verkaufskatalog – bestimmt waren, sind die Vermerke nicht selten flüchtig und kursorisch notiert. So liest man immer wieder von Museen, die allein durch den Städtenamen gekennzeichnet sind: Museum Hamburg, Museum Stuttgart, Museum Darmstadt oder Museum Karlsruhe. Um welche Institutionen handelt es sich?

Beispielsweise wurde am 30.12.1943 der Eingang eines Gemäldes von Claude Lorrain – Landschaft mit See – aus dem „Museum Karlsruhe“ notiert. Die mit dünnerer Feder geschriebene Zusatz-Bemerkung „Tausch“ weist auf eine entsprechende Transaktion hin.

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Unsere Anfrage beim Badischen Landesmuseum verlief ins Leere. Der zweite Versuch bei der Kunsthalle Karlsruhe führte zur Rückfrage der dortigen Kollegin, gegen was denn der Lorrain getauscht worden sei.

Über Lagerbuch-Eintragungen konnten wir eruieren, dass das „Museum Karlsruhe“ gleich drei Werke in diesen Tausch einbrachte: Neben dem Gemälde von Lorrain noch eine mit 20.000 Reichsmark (RM) verbuchte Ruinenlandschaft von Francesco Guardi, die von Böhler noch am gleichen Tag für 25.000 RM weiterverkauft wurde, sowie ein Frauenporträt eines Meisters in der Nachfolge von Paris Bordone, das bis 1966 bei Böhler verblieb. Das Gemälde von Lorrain – mit 50.000 RM verbucht – wurde gut ein Jahr später, im Januar 1945, mit einer spektakulären Gewinnspanne für 150.000 RM an einen uns unbekannten Privatmann in Köln weiterverkauft – mit einem Drittel Gewinnbeteiligung durch den Händlerkollegen Karl Haberstock, der offenbar an der Finanzierung des Geschäftes beteiligt war.

Doch was war nun dem „Museum Karlsruhe“ so wichtig, um so einen wertvollen Lorrain einzutauschen? Es erhielt im Gegenzug ein damals als oberrheinisch identifiziertes Gemälde Beschneidung im Tempel, datiert auf „um 1420“, das Böhler im Mai 1941 für 22.000 RM in Freiburg gekauft hatte. (Abb. 3/4)

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Die Kollegin in Karlsruhe konnte es eindeutig als das heutige Gemälde Beschneidung Christi eines Regensburger oder Salzburger Meisters identifizieren (Inv. Nr. SKK 2197). Damit ist erwiesen, dass mit „Museum Karlsruhe“ die „Staatliche Kunsthalle Karlsruhe“ gemeint war. Nun würde man den Schluss ziehen: Ein gutes Geschäft für Böhler, der in kurzer Zeit einen sagenhaften Reingewinn in Höhe von 127.749 RM erzielte, und ein fragliches Geschäft für die Kunsthalle Karlsruhe, die mit dem Lorrain ein wichtiges Meisterwerk unwiederbringlich verloren hätte.

Doch der Fall ist komplizierter, denn Karlsruhe hatte die drei getauschten Werke nie im Inventar – sie waren gar nicht Teil der Sammlung gewesen. Der Ankaufspreis von 80.000 RM ging nämlich nicht direkt an Böhler. Stattdessen wurden durch den Karlsruher Direktor Kurt Martin, der als Generalbevollmächtigter für die Museen im Elsass und in Baden zugleich auch Leiter des Straßburger Museums war, 1.600.000 Francs in Paris bereitgestellt, so dass die drei Werke über Mittelsmänner erworben werden konnten, wie die Kollegin bereits 2006 eruiert hatte. (Tessa Friederike Rosebrock, Die Straßburger Museen in der Zeit von 1940-1944. Rückführung, Ankauf und Bergung von Kunstwerken unter Kurt Martin und der Generaldirektion der oberrheinischen Museen, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 41, 2006, S. 99-122, S. 116)

Es handelte sich somit also gar nicht um einen echten Tausch, sondern um einen ausgeklügelten Deal, durch den Böhler auf dem französischen Kunstmarkt lukrative Einkäufe tätigen konnte. Bereits 2005 hatte Richard Winkler von diesem Geschäft berichtet, das er aber vor allem mit Straßburg in Verbindung brachte, so dass wir seine Erkenntnisse nicht auf unser „Museum Karlsruhe“ bezogen hatten. (Richard Winkler, „Händler, die ja nur ihrem Beruf nachgingen“. Die Münchner Kunsthandlung Julius Böhler und die Auflösung jüdischer Kunstsammlungen im „Dritten Reich“, in: Entehrt, ausgeplündert, arisiert. Entrechtung und Enteignung der Juden, hrsg. von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, Magdeburg 2005, S. 206-246, S. 235)

Die Recherchen – angeregt durch die Karlsruher Kollegin – werden weitergehen. Wo befindet sich das kapitale Gemälde von Claude Lorrain heute? Wer waren die Mittelsmänner in Paris? Wer war der Käufer, der im Januar 1945 den exzeptionellen Preis für die Landschaft mit See zahlte? War ein derart hoher Gewinn durch Böhler ein Einzelfall? Welche anderen Händler praktizierten diese „strategischen“ Tauschgeschäfte mit Museen und Sammlern im In- und Ausland?

Dies war die 1. Nachricht aus dem Archiv Julius Böhler, Fortsetzung folgt …

Dr. BIRGIT JOOSS ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Projektleiterin des Forschungsprojekts „Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903-1994“.