Franziska Eschenbach zu Emma Rosenthals Wahrnehmung des „Münchner Abkommens“ 1938

Die Briefe Emma Rosenthals aus dem Firmen- und Familiennachlass Rosenthal im Stadtarchiv München sind nicht nur eine wichtige Quelle für das Forschungsprojekt zur Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung der Familie Rosenthal und zur Suche nach ihrem Verbleib am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, sondern sie bilden in ihrer Fülle auch ein wichtiges zeithistorisches Zeugnis für das jüdische Leben während der NS-Zeit in München. Hier sollen die Briefe Emma Rosenthals vorgestellt werden, die in den Tagen des Münchner Abkommens entstanden sind.

Vor 83 Jahren unterzeichneten die vier Großmächte im Münchner „Führerbau“ an der Arcisstraße eine Vereinbarung zur Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich. Mit dem sogenannten Münchner Abkommen vom 30. September 1938 billigten der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Regierungschef Édouard Daladier sowie der italienische Diktator Benito Mussolini die Besetzung des Sudetenlands durch die deutsche Wehrmacht.
In der deutschen Presse wurde das Abkommen als „deutsch-englischer Kriegsverzicht“ gefeiert. Noch wenige Tage zuvor schien ein Krieg durch den politischen Konfrontationskurs Adolf Hitlers in der Sudetenkrise unausweichlich zu sein.

Ein anderer, weniger offizieller Schauplatz lag nur wenige hundert Meter vom Münchner „Führerbau“ entfernt: Das Palasthotel Regina in der Max-Joseph-Straße 5, unweit vom Lenbachplatz. Hier residierte Neville Chamberlain nach seiner Ankunft in München am 29. September 1938 und trat auf seinem Balkon den jubelnden Deutschen entgegen (Abb. 2). Auch die tschechischen Abgesandten waren nach ihrer Ankunft am Münchner Hauptbahnhof von der Gestapo in die Lobby des Hotels eskortiert worden, um dort über den Beschluss der Münchner Konferenz informiert zu werden. Zu den Verhandlungen selbst waren sie – und ihr Präsident Emil Hácha – nicht eingeladen worden.
In dem vornehmen Hotel wohnte auch die 80-jährige jüdische Antiquarswitwe Emma Rosenthal, nachdem sie und ihr Ehemann Jacques Rosenthal (1854—1937) im Sommer 1935 gezwungen worden waren, ihr prächtiges Anwesen in der Brienner Straße 47 (heute 26), mitten im Machtzentrum der NSDAP, an die Deutsche Arbeitsfront zu verkaufen.

Abb. 3: Schreiben von Emma Rosenthal an Margherita Rosenthal vom 01.10.1938, StadtAM NL-ROS-0228

Die Briefe Emma Rosenthals an ihren in der Schweiz lebenden Sohn Dr. Erwin Rosenthal und seine Frau Margherita, die im Zuge des Forschungsprojekts zur Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung transkribiert wurden, sind bewegende Zeugnisse dieser historischen Tage (Abb. 3). In einem Brief vom 1. Oktober 1938 berichtete sie ihrer Schwiegertochter von ihren Eindrücken: Mein liebstes Schatzerl,
ein dringendes Bedürfnis wollte mich zwingen in den letzten Tagen der tobenden Unruhe mit Erwin zu sprechen, aber all unsere Telephone waren für Stunden mit Kabelgesprächen belegt – es war unmöglich. Unser Hotel voll von illustren Gästen und der ganze Platz Tag und Nacht von jubelnden Mengen besetzt. Gott sei dank, nun ist Ruhe. Es war eine Aufregung zum Zerspringen.

Zu den „illustren Gästen“ des Hotels zählte der frühere Reichsaußenminister Konstantin von Neurath, der nach der Besetzung der Tschechei im März 1939 zum Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt werden sollte, und sein Nachfolger Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Doch im Vordergrund steht das Misstrauen gegenüber dem gefeierten Abschluss der Konferenz und die Sorge um die Zukunft der Juden in Deutschland, wie aus dem Schreiben ersichtlich wird: Ich bekam aber viele schmerzstillende Arzneien und Schlafmittel so dass mein Kopf ganz dumpf ist und ich das Jubelgeschrei der Völker nach errungenem Sieg kaum recht begriff. […] Wie wird es weitergehen? Für unsere Abstammung wird es wohl kein Erbarmen geben […].
In den Briefen werden die Szenen, die sich im Hotel abgespielt haben müssen, lebendig. Am 3. Oktober 1938 schildert Emma Rosenthal die vergangenen Tage: Gott sei Dank ist eine ruhigere Zeit eingetreten nach den furchtbar aufregenden Tagen. Ich habe mich vollständig zurückgezogen, denn unser Haus war von tausenden tobenden Menschen umlagert und wenn Mr. Ch. [Chamberlain, Anm. der V.] auf den Balkon trat war ein Jubel zu hören, wie ich noch nichts erlebte. Gesehen habe ich Ch. nicht, nur Neurath und Ribbentrop begegneten mir auf dem Gang, der Verkehr von Autos war unbeschreiblich und der Jubel frenetisch. Möge es doch zu wirklichem langem Frieden kommen!

Ihr Wunsch nach Frieden sollte sich nicht erfüllen. Der Krieg, der durch die Zugeständnisse und die Politik des „Appeasements“ der britischen Regierung im Herbst 1938 noch umgangen werden konnte, wurde schließlich ein Jahr später durch den Überfall auf Polen von Adolf Hitler durchgesetzt. Nur wenige Wochen nach dem Münchner Abkommen brannten im Deutschen Reich die Synagogen. Durch unermüdlichen Einsatz erreichte ihr Sohn, dass Emma Rosenthal im Dezember 1939 in die Schweiz fliehen konnte. Sie verstarb am 24. Juni 1941 in einem Pflegeheim in Küssnacht am Vierwaldstättersee.

FRANZISKA ESCHENBACH, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung von Jacques, Emma und Erwin Rosenthal am ZI in München.

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Michael Falser zu globalen Räumen des deutschen Kolonialismus. Begriffe und Methoden – Case-Studies – disziplinäre Querverbindungen

Mit den 1880er Jahren stieg das Deutsche Reich neben Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden zur viertgrößten Kolonialmacht auf. Spezifikum des Deutschen Kolonialismus war, dass er mit Kolonien bzw. Schutzgebieten in Afrika (Deutsch Ost- bzw. Südwestafrika, Kamerun, Togo), Ostasien/China (Tsingtau-Kiautschou) bis Ozeanien (Neuguinea, Kaiser-Wilhelmsland, Marianen, Karolinen, Marshall-Inseln bis Samoa) geopolitisch ein globales Projekt war (Abb. 1), wie es die Karte aus Meyers Konversationslexikon von 1900/1 im Artikel „Kolonien“ einem breiteren Publikum „im Größenvergleich zum Mutterlande“ vor Augen führte.

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Rüdiger Hoyer et Julia Bondl présentent le Catalogue en ligne des interventions graphiques du groupe d’artistes Bazooka dans le quotidien Libération en 1977/78 (II)

Bazooka s’émancipe pour ainsi dire au début du mois d’août 1977 avec le fameux commentaire cynique et méprisant du 4 août de Christian Chapiron à propos de la mort d’un manifestant à Malville. Suite au scandale, le groupe devient lui-même un sujet du journal où des articles et des lettres de lecteurs réels ou fictifs lui sont consacrées. Les perturbations manuscrites de la maquette, effectuées le plus souvent, semble-t-il, par Christian Chapiron, sont particulièrement efficaces lorsqu’il s’agit de mettre sa griffe graphique sur le quotidien. Des illustrations pornographiques, voire pédopornographiques, qui paraissent en août et en novembre 1977, servent à atteindre un niveau maximal d’escalation. Ils reflètent en même temps des discussions actuelles. Les interventions de Bazooka culminent le 25 octobre 1977, avec un numéro parsemé de zones noircies signées « Bazooka Production » (Fig. 2), et le 19 novembre 1977, avec un numéro entièrement investi par Bazooka où le nom de Picasso est utilisé comme une sorte de logo remplaçant la signature du groupe (fig. 3).

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Rüdiger Hoyer et Julia Bondl présentent le Catalogue en ligne des interventions graphiques du groupe d’artistes Bazooka dans le quotidien Libération en 1977/78 (I)

Ce catalogue (>>) sous forme de numérisations avec métadonnées a été conçu comme base d’études pour un épisode de l’histoire de l’art français et de la presse française qui, en raison de l’accessibilité insuffisante du matériau, n’est jusqu’à présent connu que par extraits. Il est basé sur un fonds de 259 numéros de Libération conservé à la bibliothèque du Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) à Munich, fonds complété par des reproductions fournies par la Bibliothèque universitaire de Fribourg-en-Brisgau et par des photos prises par nous à la Documentation de Libération. Les données sont librement accessibles sur le « serveur multimédia » (>>) du Bibliotheksverbund Bayern (BVB), le réseau des bibliothèques bavaroises. Au total, il y a environ 1.000 contributions. Ce chiffre est approximatif, non seulement en raison d’incertitudes d’attribution, mais aussi en raison de difficultés d’isoler des illustrations lorsque la mise en page entière a un caractère graphique.

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