Theresa Sepp über „Schöner Wohnen“ am Prinzregentenplatz

Das Karteiensystem der Kunsthandlung Julius Böhler war nicht dafür gedacht, für Außenstehende auf Anhieb verständlich zu sein. Üblicherweise dokumentieren die Karteikarten jedenfalls neben Ein- und Ausgangsdatum eines Objektes, An- und Verkaufspreisen sowie Angaben zu Vorprovenienzen oder dem Erhaltungszustand die Namen von Vor- und Nachbesitzer*innen. Manchmal jedoch kommt es vor, dass stattdessen unspezifische – möglicherweise absichtlich nebulöse – Angaben wie „von einem Tändler in Wien“ (auf Karteikarte M_38-0288) oder „hinterm Hotel in Venedig“ (auf Karteikarte M_06-1206) zu finden sind.

Abb. 1: Karteikarte M_32-0011, Rückseite, Quelle: ZI Photothek/Archiv, Archiv Kunsthandlung Julius Böhler, s. http://boehler.zikg.eu/wisski/navigate/10994/view (zuletzt aufgerufen am 20.10.2022)

In die Reihe der „ungelösten Rätsel“ der Kunsthandlung Böhler gehört auch ein aus 40 Karteikarten bestehendes Konvolut, das den Verkauf von Möbeln und Einrichtungsgegenständen sowie einigen Gemälden, Grafiken und Skulpturen an das „Haus, Prinzregentenplatz 7“ dokumentiert (Abb. 1). Die meisten dieser Objekte verließen am 20. Juli 1933 die Kunsthandlung, einige wenige wurden in den darauffolgenden Wochen geliefert.

Abb. 2: Empire Lehnstühle mit Tapisseriebezug, Quelle: ZI Photothek/Archiv, Archiv Kunsthandlung Julius Böhler, Fotomappe zu Karteikarte M_27-0102, s. http://boehler.zikg.eu/wisski/navigate/170430/view (zuletzt aufgerufen am 23.11.2022)

Klickt man sich in der kürzlich freigeschalteten Datenbank Böhler re:search durch die Karteikarten und Objekte, denkt man an einen großbürgerlichen, repräsentativ ausgestatteten Haushalt. Unter den zahlreichen Möbeln befindet sich beispielsweise ein italienischer Fächertisch aus dem 16. Jahrhundert, der zuvor dem ehemaligen bayerischen Kronprinzen Rupprecht (1869–1955) gehört hatte, sechs vergoldete und mit Tapisserie bezogene Lehnstühle (Abb. 2), die einst den Bewohner*innen von Schloss Fontainebleau als Sitzgelegenheit gedient hatten, sowie ein wuchtiger Renaissance-Tisch aus dem Nachlass des Münchner Genremalers Eduard von Grützner (1846–1925). Dekorative Landschaftsgemälde (Abb. 3), Farbstiche, Bronzegruppen und eine Rüstung aus dem 17. Jahrhundert ergänzen das ausgewählte antike Mobiliar.

Abb. 3. Ferdinand Kobell, Landschaft mit Vieh, 1784, Leinwand, 76 x 102,5 cm, Quelle: ZI Photothek/Archiv, Archiv Kunsthandlung Julius Böhler, Fotomappe zu Karteikarte K_070_32, s. http://boehler.zikg.eu/wisski/navigate/187621/view (zuletzt aufgerufen am 23.11.2022)

Wer verbirgt sich also hinter der Adresse? Die herrschaftliche, Anfang des 20. Jahrhunderts erbaute Villa gegenüber dem Prinzregententheater hatte just im Juli 1933 neue Bewohner*innen bekommen: Die Oberste SA-Führung (Paul Hoser: Sturmabteilung (SA), 1921–1923/1925–1945, in: Historisches Lexikon Bayerns, 2007). Die bayerische Dienststelle der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP war zuvor in deren Parteizentrale ansässig gewesen, dem sogenannten Braunen Haus. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein halbes Jahr zuvor baute Ernst Röhm (1887–1934), seit 1931 SA-Stabschef, die insbesondere durch Gewaltbereitschaft und ideologisch motivierte Brutalität aufgefallene „Sturmabteilung“ weiter aus. Im Zuge dessen zog die SA-Führung in die repräsentative Villa am Prinzregentenplatz, in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Privatwohnung (Rainer Keller, Die Gemälde aus Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz. Eine Spurensuche, in: Kunstchronik 75, 1, 2022, S. 2–10). Doch ob es sich bei dem Böhlerschen Kunden „Haus, Prinzregentenplatz 7“ tatsächlich um die SA-Führung handelte, ist weder anhand der umfangreichen Überlieferung im ZI noch jener im Bayerischen Wirtschaftsarchiv belegbar. Sogar die wenigen erhaltenen Rechnungen sind laut dem Archivar Richard Winkler auf „Haus Prinzregentenplatz 7“ ausgestellt.

Das Münchner SA-Hauptquartier wurde ohnehin bereits ein halbes Jahr nach dem Einzug in die Barerstraße 7-11 verlegt. Was mit der wertvollen Ausstattung geschah – sofern es tatsächlich die SA-Zentrale schmückte – konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden.

Dr. THERESA SEPP ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Leiterin des Forschungsprojektes Händler, Sammler und Museen: Die Kunsthandlung Julius Böhler in München, Luzern, Berlin und New York. Erschließung und Dokumentation der gehandelten Kunstwerke 1903 – 1994.

Birgit Jooss über ein Butterbrot für die Neue Pinakothek

Ein goldgerahmtes Gemälde mit dem lapidaren Titel Butterbrot erreichte am 30.7.1929 aus Berlin die renommierte, 1880 gegründete Münchner Kunsthandlung Julius Böhler. Der niederländische Maler Pieter de Hooch (hier: Hoogh, 1629 – um 1679) wird als Maler des Butterbrots genannt, Baron Thyssen (1875 – 1947) als Besitzer. Insider des Böhler‘schen Karteiensystems…

Franziska Eschenbach zu Emma Rosenthals (1857—1941) Wahrnehmung des „Münchner Abkommens“ 1938

Die Briefe Emma Rosenthals aus dem Firmen- und Familiennachlass Rosenthal im Stadtarchiv München sind nicht nur eine wichtige Quelle für das Forschungsprojekt zur Rekonstruktion der privaten Kunstsammlung der Familie Rosenthal und zur Suche nach ihrem Verbleib am Zentralinstitut für Kunstgeschichte, sondern sie bilden in ihrer Fülle auch ein wichtiges zeithistorisches…

Theresa Sepp über (Buchstaben-)Codes bei Hugo Helbing

Im Jahr 2016 und am 28. April 2021 hat das ZI insgesamt gut 670 annotierte Auktionskataloge des zwischen 1887 und 1937 aktiven, weit über München hinaus bekannten Auktionshauses Hugo Helbing erhalten. Diese und weitere Bestände annotierter Helbing-Kataloge aus Zürich (Kunsthaus Zürich sowie Cassirer-Feilchenfeldt-Archiv) werden aktuell im Rahmen eines DFG-Projekts von…

Birgit Jooss über Raucher und Muschelesser

Was haben „Raucher“ mit „Muschelessern“ zu tun? Kann es sein, dass ein und dasselbe Gemälde zwei so unterschiedliche Titel trägt? Wenn im Karteiensystem der Kunsthandlung Julius Böhler verschiedene Karten Auskunft über ein Objekt geben, so lassen die Titel in der Regel den Zusammenhang erkennen. Dieser wird zudem durch handschriftlich notierte…

Birgit Jooss über Hitler als Kunde

Auch Adolf Hitler kaufte bei Julius Böhler. 1934 erwarb er eine klassizistische Skulptur des Schweizer Bildhauers Heinrich Maximilian Imhof (1795–1869): Die marmorne Porträtbüste einer jungen Frau, die ihren Kopf nach unten neigt. Über ihrem welligen Haar trägt sie ein Kopftuch, ihren Oberkörper hat sie in ein einfaches, antikisch anmutendes Gewand…

Anne Uhrlandt und Stephan Klingen über eine seltsame Begegnung im Jahr 1936: Max Stern und Hermann Voss

In ihrer Publikation zum „Sonderbeauftragten des Führers“. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884-1969) [Köln, Weimar, Wien 2010] berichtet Kathrin Iselt eher beiläufig vom Ankauf eines zu diesem Zeitpunkt Josef Anton Koch zugeschriebenen Gemäldes, Das Mädchen aus der Fremde, bei der Düsseldorfer Galerie Stern durch Hermann Voss. Abb. 1: Galerie…

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Birgit Jooss über die „Hälfte eines Diptychons“

Die Objektkarteikarten der Kunsthandlung Julius Böhler dokumentieren nicht nur Transaktionen von Kunstwerken, sondern enthalten auch zahlreiche Informationen über gesellschaftliche und politische Vorgänge. So auch die Karte mit der Nummer 35 –5: Festgehalten ist der Auktionsankauf eines Elfenbeinreliefs am 29. Januar 1935. Stutzig macht eine Eintragung auf der linken Seite. An…

Birgit Jooss über ein Butterbrot für die Neue Pinakothek

Ein goldgerahmtes Gemälde mit dem lapidaren Titel Butterbrot erreichte am 30.7.1929 aus Berlin die renommierte, 1880 gegründete Münchner Kunsthandlung Julius Böhler. Der niederländische Maler Pieter de Hooch (hier: Hoogh, 1629 – um 1679) wird als Maler des Butterbrots genannt, Baron Thyssen (1875 – 1947) als Besitzer. Insider des Böhler‘schen Karteiensystems erkennen, dass die rosa Farbe der Karte und die Ziffer 177 29 auf ein Kommissionsgeschäft hinweisen. Rückseitig erfährt man, dass das Bild am 12.6.1930 in der Neuen Pinakothek „abgeliefert“ wurde.

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Birgit Jooss über Hitler als Kunde

Auch Adolf Hitler kaufte bei Julius Böhler. 1934 erwarb er eine klassizistische Skulptur des Schweizer Bildhauers Heinrich Maximilian Imhof (1795–1869): Die marmorne Porträtbüste einer jungen Frau, die ihren Kopf nach unten neigt. Über ihrem welligen Haar trägt sie ein Kopftuch, ihren Oberkörper hat sie in ein einfaches, antikisch anmutendes Gewand gehüllt. Heute wird die 40 cm hohe Büste im Wallraf-Richartz-Museum in Köln als Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland aufbewahrt.

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Birgit Jooss über die „Hälfte eines Diptychons“

Die Objektkarteikarten der Kunsthandlung Julius Böhler dokumentieren nicht nur Transaktionen von Kunstwerken, sondern enthalten auch zahlreiche Informationen über gesellschaftliche und politische Vorgänge. So auch die Karte mit der Nummer 35 –5: Festgehalten ist der Auktionsankauf eines Elfenbeinreliefs am 29. Januar 1935. Stutzig macht eine Eintragung auf der linken Seite. An der Stelle, an der üblicherweise die Provenienzen festgehalten werden, vermerkte Böhler eine Auktion aus Beständen dreier Galerien: „sämtlich in Liquidation“. Hatte man hier etwa unbekümmert rigide Maßnahmen des NS-Regimes notiert? Aber warum? Da der Eingang mit „Auktion Paul Graupe, Berlin Verst. No. 137 25./26.1.35 No. 110“ genau vermerkt ist, lassen sich Versteigerung und Objekt schnell eruieren (Abb. 1).

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Birgit Jooss zu komplizierten Tauschgeschäften der Kunsthandlung Julius Böhler

Die Geschäftsunterlagen der Münchner Kunsthandlung Julius Böhler offenbaren immer wieder Überraschungen. Derzeit werden die Karteikarten der Kunsthandlung in einer Datenbank erfasst, um sie für die Forschung besser nutzbar zu machen. Neben den Herausforderungen, die die manchmal nur schwer lesbaren, handschriftlichen Eintragungen mit sich bringen, geht es auch darum, die Informationen möglichst so aufzubereiten, dass Kunstwerke sowie die in ihren Handel involvierten Akteure eindeutig identifiziert werden können. Da aber die Karteien mit ihren Vermerken der Kunsthandlung nur als internes Nachweisinstrument dienten, die nicht für die Veröffentlichung – etwa in einem Verkaufskatalog – bestimmt waren, sind die Vermerke nicht selten flüchtig und kursorisch notiert. So liest man immer wieder von Museen, die allein durch den Städtenamen gekennzeichnet sind: Museum Hamburg, Museum Stuttgart, Museum Darmstadt oder Museum Karlsruhe. Um welche Institutionen handelt es sich?

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