Travelling Back: Eine erneute Betrachtung der (Wissens-)Transfers zwischen München und Brasilien im 19. Jh.

SABRINA MOURA

>> Eine englische Übersetzung des Beitrags ist auf dem Blog des Käte Hamburger Forschungszentrums global dis:connect veröffentlicht. >>

Die Ausstellung Travelling Back, gezeigt zwischen Februar und April 2024 am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, richtete einen kritischen Blick auf die Erzählungen und Sammlungen, welche die bayerischen Wissenschaftler Johann Baptist von Spix (1781–1826) und Carl Friedrich Philipp von Martius (1794–1868) im 19. Jahrhundert aus Brasilien mitbrachten [1]. Ermöglicht wurde meine der Ausstellung vorangegangene Forschung durch ein Stipendium am Käte Hamburger Research Centre global dis:connect.

Ausstellungsansicht "Travelling Back. Blickwechsel auf eine Expedition von München nach Brasilien im 19. Jahrhundert" im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, 1. OG
Abb. 1: Ausstellungsansicht „Travelling Back. Blickwechsel auf eine Expedition von München nach Brasilien im 19. Jahrhundert“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte | Foto: Felix Ehlers

Die Ausstellung folgte der ausgedehnten dreijährigen Reise der zwei Wissenschaftler durch das brasilianische Hinterland und das Amazonasgebiet. Es wurden zentrale Fragen zur Kolonialität aufgeworfen, die den wissenschaftlichen Bestrebungen des naturkundlichen Projekts zwischen München und Brasilien im 19. Jahrhundert zugrunde lag. Sie untersuchte die verschiedenen Darstellungen und Interpretationen der Sammlungen von Spix und Martius von ihrer Ankunft in Deutschland bis in die Gegenwart und beleuchtete die Dis:konnektivitäten der Wissensproduktion, die hinter diesen wissenschaftlichen Bestrebungen stehen. Dabei ging es nicht nur darum, die öffentliche Rezeption dieser Erfahrungen durch eine Geschichte des Betrachtens zu erforschen, sondern auch um eine kritische Auseinandersetzung durch die Brille heutiger Dialoge und Initiativen.

Mit diesem Blogbeitrag werden die verschiedenen Sektionen der Ausstellung zusammen mit den gezeigten Dokumenten, Bildern, Publikationen und Kunstwerken nochmals vorgestellt.


1.

Drei Männer stehen in der Natur. Tragen Jagdkleidung.
Abb. 2: Carl Friedrich Heinzmann, Vögel-Teich am Rio de S. Francisco | In: Atlas zur Reise in Brasilien, Carl Friedrich Philipp von Martius, München: Lidauer, et al., 1823

Im 18. und 19. Jahrhundert waren wissenschaftliche Expeditionen Teil eines globalen naturgeschichtlichen Projekts, das von einer Mission der Wissensgewinnung geleitet wurde, die scheinbar von edleren Motiven getrieben war als koloniale Eroberung. Im Streben nach Wissenschaft und universellem Wissen wurden die Erkundung neuer Gebiete, die Benennung neuer Arten und der Akt des Sammelns Teil einer klassifikatorischen Logik, die ihre Wurzeln in Linnaeus’ Systema Naturae (1735) hat.

Urwaldszene. Indigener Mann auf der Jagd an einem Fluss.
Abb. 3: C. Hess, Astrocaryum gynacanthum. Bactris pectinata. Bactris hirta | In: Carl Friedrich Philipp von Martius, Historia naturalis palmarum. Opus Tripartitum (1823-1850)

In diesem Zusammenhang ist die Expedition von Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius nach Brasilien, die von König Maximilian I. Joseph von Bayern (1756–1825) in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kaiserreich in Auftrag gegeben wurde, als ein Schlüsselprojekt der europäischen wissenschaftlichen Erforschung
Südamerikas hervorzuheben. Der Wunsch, die biologische Vielfalt der Tropen zu erforschen, wurde nach der Verlegung des portugiesischen Königshofs nach Rio de Janeiro durch die Öffnung der brasilianischen Häfen im Jahr 1808 begünstigt. Dieses entscheidende Ereignis bedeutete das Ende der portugiesischen Politik, den Zugang ausländischer Wissenschaftler zu seiner Kolonie zu beschränken – eine Beschränkung, die insbesondere Alexander von Humboldts Pläne zur Erforschung dieser Region behindert hatte.

blauer Vogel. Zeichnung bzw. Stich.
Abb. 4: Matthias Schmidt, Anodorhynchus Maximiliani. Tab. XI | In: Johann Baptist von Spix, Avium species novae, 1824
Abb. 5: Ausstellungsansicht „Travelling Back. Blickwechsel auf eine Expedition von München nach Brasilien im 19. Jahrhundert“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte | Foto: Felix Ehlers

2.

Abb. 6: Reiseroute von Martius and Spix 1817-20 | In: Flora Brasiliensis On-Line, São Paulo: Fundação de Amparo à Pesquisa do Estado de São Paulo, 1820

Spix und Martius erreichten Brasilien im Juli 1817 über den Hafen von Rio de Janeiro. Dort verbrachten sie etwa sechs Monate, um sich zu akklimatisieren und auf die weiteren Etappen ihrer Expedition vorzubereiten. In der ersten Hälfte des Jahres 1818 begaben sie sich in Begleitung von ortskundigen Führern zu Fuß und auf Maultieren auf eine Reise durch Brasilien von Südosten nach Nordwesten. In späteren Jahren erreichten und erforschten sie die weiten Amazonasgebiete, wo sie auf zahlreiche indigene Gruppen trafen, darunter die Juri, Miranha und Tikuna. Von diesen Gemeinschaften sammelten sie Artefakte und erstellten detaillierte Beschreibungen ihrer physischen Merkmale, Gewohnheiten und Sprachen.

Abb. 7: E. Meyer, Trinkfest der Coroados, Faksimile | In: Carl Friedrich Philipp von Martius, Atlas zur Reise in Brasilien (1823-1831), München: Bayerische Staatsbibliothek
Abb. 8: Van der Velden, Tanz der Puris | In: Carl Friedrich Philipp von Martius, Atlas zur Reise in Brasilien (1823-1831), München: Bayerische Staatsbibliothek

3.

Abb. 9: Spix und Martius Ausstellung, Masken und Federschmuck | In: Sammlung Fotografie & Schriften, München: Museum Fünf Kontinente München, 1928
Abb. 10: Spix und Martius Ausstellung, Masken und Federschmuck | In: Sammlung Fotografie & Schriften, München: Museum Fünf Kontinente München, 1928

Während ihrer Jahre in Brasilien schickten Spix und Martius regelmäßig Berichte und verschiedene Ethnographica nach München, um über die Investitionen des Königreichs Bayern in ihre Expedition Rechenschaft abzulegen. Nach ihrer Rückkehr im Jahr 1820 konzentrierten sie sich auf die Analyse und Katalogisierung ihrer Funde, zu denen zahlreiche ethnografische Objekte, Mineralien, Pflanzen und Tierarten gehörten. Diese Objekte sind heute Teil der bayerischen Staatssammlungen (etwa des Museums Fünf Kontinente).

Abb. 11: Dauerausstellung der Spix und Martius Sammlung | In: Sammlung Fotografie & Schriften, München: Museum Fünf Kontinente München, 1930
Abb. 12: Unter Indianern Brasiliens, Ausstellungsplakat | In: Sammlung Fotografie & Schriften, München: Museum Fünf Kontinente München, 1979

Die Publikationstätigkeit war ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Eine ihrer bekanntesten Publikationen ist die mehrbändige Reihe Reise in Brasilien (1823–1831). Die Historikerin Karen Macknow Lisboa hat angemerkt, dass in diesem Werk in einer für das 19. Jahrhundert typischen Weise der wissenschaftliche Diskurs mit einer romantischen Sicht auf die Natur verwoben ist (Karen Macknow Lisboa, Da Expedição Científica à Ficcionalização da Viagem: Martius e seu romance indianista sobre o Brasil, Acervo 21, no. 1 (2011) (>>)). In dem Buch wird eine idealisierte Vision der tropischen Natur präsentiert, die zu einer hierarchischen Wahrnehmung der menschlichen Gesellschaften in Kontrast steht. Der Text enthält zahlreiche Passagen, in denen die indigene Bevölkerung als den Europäern unterlegen dargestellt wird. „Das Temperament des Indianers ist beinahe noch unentwickelt und spricht sich als Phlegma aus“, schrieben Spix und Martius etwa im ersten Band der Reise in Brasilien (S. 241).

Abb. 13: Brasilianische Reise, 1817-1820, Ausstellungsplakat | In: Sammlung Fotografie & Schriften, München: Museum Fünf Kontinente München, 1995
Abb. 14: Caryocar brasiliensis, V12 P1 t.73. | In: Flora Brasiliensis by Carl Friedrich Philipp von Martius, August Wilhelm Eichler, Ignaz Urban and et al., 1840-1906

Ihre Arbeit führte auch zu mehreren illustrierten wissenschaftlichen Publikationen. Die Flora Brasiliensis (1840–1906) ist ein Beispiel dafür, dass Martius die gesamte bis dahin bekannte brasilianische Flora beschreiben wollte. Die erste Ausgabe wurde 1840 veröffentlicht, und es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sie fertiggestellt war. Martius erlebte die Fertigstellung des Werks nicht mehr, und nach seinem Tod übernahmen andere Botaniker das Projekt. Es wird in der zeitgenössischen Botanik immer noch als Referenz verwendet.

Abb. 15: C. Hess, Elaeis melanococca | In: Carl Friedrich Philipp von Martius, Historia naturalis palmarum. Opus Tripartitum (1823-1850), 1823-1850

4.

Nach der Rückkehr von Spix und Martius nach München im Jahr 1820 erregte die Anwesenheit von zwei indigenen Kindern, die die Forscher über den Atlantik mit zurückgenommen hatten, die Aufmerksamkeit der Presse. Diese Kinder, die nach ihrer christlichen Taufe Isabella Miranha und Johann Juri genannt wurden, waren Überlebende einer Gruppe von sechs Indigenen, die von den bayerischen Wissenschaftlern aus Amazonien mitgenommen worden waren.

Abb. 16: Ueber Brasilien, Eos. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung (München), 20 March 1821, 93
Abb. 17: Ueber Brasilien, Eos. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung (München), 20 March 1821, 93

In frühen Artikeln aus dem Jahr 1820 wurden die Kinder als wild und teilnahmslos beschrieben. In Beschreibungen von Miranha wurde oft ihr Haar hervorgehoben und dieses mit dem eines Pferdes verglichen, um ihre „wilde“ Herkunft zu unterstreichen (Maria de Fátima Costa, Os „meninos índios“ que Spix e Martius levaram a Munique, Artelogie. Recherche sur les arts, le patrimoine et la littérature de l’Amérique latine 14 (2019)). Im Gegensatz dazu wurde Juri positiver beschrieben, als ein „nicht unattraktiver Junge mit freundlichen Augen“. Diese Beschreibungen der Physis prägten häufig die Interpretationen ihres Verhaltens. Juri wurde als gut und ruhig charakterisiert, während Miranha als unfreundlich und kalt angesehen wurde. Im Laufe der Zeit begannen sich diese Darstellungen zu ändern. Als das Mädchen zum Beispiel anfing, mit Puppen zu spielen oder zu nähen, vermerkte die Presse dies als Anpassung an die europäische Erziehung und Gewohnheiten.

Kurz nach ihrer Ankunft in München verstarben Miranha und Juri. Der Junge erlag 1821 einer langen und schmerzhaften Lungenkrankheit, das Mädchen verstarb ein Jahr später. Zeitungen berichten, dass Juri auch nach seinem Tod für die wissenschaftliche Forschung interessant blieb, was durch die Anfertigung eines Wachsabdrucks seines Kopfes belegt wird (Klaus Schönitzer, From the New World to the Old World, In: Journal Fünf Kontinente: Forum für ethnologische Forschung 1 (2014)).

Eine posthume Ehrung der Kinder wurde von Königin Karoline von Bayern vorgenommen, die den bayerischen Künstler Johann Baptist Stiglmaier (1791–1844) beauftragte, eine Bronzeplatte anzufertigen, die ihr Grab auf dem Alten Südfriedhof in München schmücken sollte. Diese Platte wurde später vom Friedhof entfernt und befindet sich heute im Besitz des Münchner Stadtmuseums.

Abb. 18: Ausstellungsansicht, Detail: Johann Baptist Stiglmaier, Grabrelief der Kinder Juri und Miranha, c. 1824 | Münchner Stadtmuseum, Sammlung Angewandte Kunst | Foto: Sabrina Moura

Bereits seit dem 16. Jahrhundert kam es im Rahmen „wissenschaftlicher Studien“ vereinzelt zur Verschleppung indigener Personen nach Europa. In den 1820er Jahren dürften sich – so der der Ethnologe Christian Feest – mindestens sieben brasilianische Indigene entweder an kaiserlichen Höfen oder anderen Adelshäusern Europas befunden haben, wenn sie nicht als „Curiosa“ öffentlich ausgestellt wurden. Lediglich eine Person kehrte nach Brasilien zurück (Christian Feest, Botocudos in Europe in the 1820s, (2022)). Sterbliche Überreste von mindestens drei weiteren Personen wurden in Museumssammlungen überführt.


5.

Die Abbildungen in den Büchern von Spix und Martius wurden vor der Erfindung der Fotografie im Jahr 1826 erstellt. Sie durchliefen, wie viele Illustrationen in Reiseberichten, mehrere Interpretationsstufen, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die Skizzen von Spix und Martius, ob vor Ort oder später angefertigt, wurden bei der Vorbereitung der Veröffentlichung durch die Kupferstecher des 19. Jahrhunderts immer wieder überarbeitet.

In den folgenden Jahrhunderten fanden die Bilder eine große Verbreitung, indem sie in Ausstellungen und im Internet gezeigt wurden. Um sie besser verstehen zu können, ist es wichtig, die vielfältigen Stationen und Kontexte zu berücksichtigen, die diese Bilder durchlaufen haben. Porträts, wie die von Miranha, Juri und anderen Indigenen, die in Reise in Brasilien gezeigt werden, werfen ein Licht auf die Bildkonventionen, die damals ethnografische Darstellungen in Reiseberichten bestimmten. Diese Porträts verdeutlichen auch die häufig stereotypen Vorstellungen, die in der europäischen Gesellschaft von indigenen Völkern vorherrschen.

Abb. 19: Ausstellungsansicht „Travelling Back. Blickwechsel auf eine Expedition von München nach Brasilien im 19. Jahrhundert“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte | Foto: Felix Ehlers

Die Unterschiede zwischen den 1821 angefertigten Zeichnungen im Martiusiana-Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek und den endgültigen Fassungen, die später im Atlas Reise in Brasilien veröffentlicht wurden, erinnern eindringlich daran, dass Bilder, ähnlich wie Texte, diskursive Konstrukte sind, die stark von der Wahrnehmung, der Interpretation, der Sprache und den zum Zeitpunkt ihrer Entstehung verfügbaren Techniken geprägt werden.


6.

Abb. 20: Miranha | In: Carl Friedrich Philipp von Martius, Atlas zur Reise in Brasilien (1823-1831), München: Bayerische Staatsbibliothek
Abb. 21: Miranha | Carl Friedrich Philipp von Martius, Atlas zur Reise in Brasilien (1823-1831), München: Bayerische Staatsbibliothek

Die Begegnung mit den Porträts von Isabella Miranha und Johann Juri in einer Ausstellung in São Paulo ist ein zentraler Moment in dem Roman O Som do Rugido da Onça (2021) der brasilianischen Schriftstellerin Micheliny Verunschk (*1972). Diese Szene stellt einen wichtigen Moment dar, in dem eine der Hauptfiguren des Buches, Josefa, einen Ausstellungsraum betritt und den ihr unheimlich erscheinenden Blicken der beiden indigenen Kinder auf den Porträts ausgesetzt ist.

Verunschk verknüpft in ihrer Erzählung die gegenwärtigen Erfahrungen von Josefa mit der historischen Vergangenheit von Juri und Miranha, wobei sie insbesondere die Gefühlswelt von Isabella Miranha, im Roman „Iñe-ê“ genannt, vor Augen führt. Mithilfe des fiktionalen Erzählens eröffnet die Autorin den Leser*innen eine neuartige Perspektive, die zu erkunden erlaubt, wie Vorstellungskraft und Spekulation – oder „critical fabulation“ in den Worten von Saidiya Hartman – einer Geschichte Leben einhauchen können. Obwohl die Geschichte der beiden Kinder bereits mehrfach diskutiert und in Publikationen aufgegriffen wurde, ist sie bisher im Rahmen der öffentlichen Erinnerungskultur weitgehend unberücksichtigt geblieben.

Abb. 22: Zitat aus Micheliny Verunshk, O Som do Rurgido da Onça São Paulo: Cia das Letras 2021

Auch andere Autoren bedienen sich der Fiktion, um sich diesem Thema und seinen Erfahrungen anzunähern. Genannt seien hier nur Henrike Leonhardt’s (*1943) Unerbittlich des Nordens rauher Winter (1987) oder aber schon Carl Friedrich von Martius selbst. Dessen Roman Frey Apollonio: Roman aus Brasilien von 1831 wurde freilich erst über ein Jahrhundert später, 1992, veröffentlicht. In der Erzählung wechselt der Autor zwischen einem Erzählstil in Ich-Form sowie der dritten Person, um die Geschichte des jungen Wissenschaftlers Hartoman festzuhalten, einem Alter Ego von Martius selbst (Lisboa, Da Expedição Científica).

Abb. 23: Micheliny Verunshk, O Som do Rurgido da Onça São Paulo: Cia das Letras 2021 | Buchcover

7.

Abb. 24: Yolanda Gutiérrez, Jana Baldovino (Tänzerin), David Valencia (Tänzer), Cornelia Böhm (Audio) and Felix Ehlers (Foto). URBAN BODIES PROJECT. 2023. Käte Hamburger Research Centre global dis:connect

Micheliny Verunschk Roman, der die Geschichte der indigenen Kinder Juri und Miranha nachzeichnet, tritt in einen Dialog mit zwei künstlerischen Arbeiten in dieser Ausstellung: Isabela Miranha (2020) von Gê Viana (*1986) und Urban Bodies, Munich (2023) von Yolanda Gutiérrez. In diesen Werken werden visuelle Interventionen und Performances eingesetzt, um an die Präsenz von Juri und Miranha in München zu erinnern. Mit ihren künstlerischen Ansätzen erforschen Viana und Gutiérrez Möglichkeiten, wie die Existenz dieser Figuren aus der Gegenwart heraus zu imaginieren ist, wie alternative Erinnerungen entstehen können und die Geschichte der Kinder neu zu schreiben sind.

Abb. 25: Gê Viana; Isabel Miranha, 2020, Digitalcollage

Die Praxis der Künstlerin Frauke Zabel dreht sich um die Gegenerzählungen, die durch die Kartierung verschiedener Orte in der Stadt entstehen: Sie spürt Sammlungen, historischen Stätten und Erinnerungszeichen an Spix und Martius im öffentlichen Raum Münchens nach. In ihrer Arbeit für diese Ausstellung mit dem Titel die Palmen sich wie folgt gruppieren: (2023) untersucht sie Martius’ Studien über Palmen und stellt ihre eigene Sammlung von Artefakten zusammen, um die Geschichte dieser Pflanzen als Forschungsobjekte zu erzählen. Zabels Sammlung untersucht die Symbolik, Exotisierung, Rentabilität und Wissensproduktion im Zusammenhang mit Palmen in kolonialen und neokolonialen Kontexten.

Abb. 26: Ausstellungsansicht, Detail: Frauke Zabel, die Palmen sich wie folgt gruppieren:, 2023, versch. Medien | Foto: Felix Ehlers

Elaine Pessoa (*1968) hinterfragt in ihrem Werk Exploratorius (2023) die Zukunft der Bilder in dem, was sie als „Kolonialismus der Daten“ bezeichnet. Pessoa interagiert mit den Zeichnungen, Tagebüchern und visuellen Dokumenten, die die wissenschaftlichen Berichte über die Reisen von Spix und Martius rahmen und begleiten. Durch eine Reihe von Experimenten mit künstlicher Intelligenz und manuellen künstlerischen Eingriffen – darunter Abbeizen, Bemalen und Einkratzen – interpretiert sie Darstellungen von brasilianischen Tropenlandschaften, Dschungeln, Wäldern und Biomen neu.

Abb. 27: Elaine Pessoa, Exploratorius, 2023, versch. Medien

Der Künstler Igor Vidor (*1985) wiederum greift digital in die Bilder des Atlas Reise in Brasilien ein. Er platziert die Figur Blanka aus dem Videospiel Street Fighter in die ursprünglich von Spix und Martius festgehaltenen Landschaften. Blanka, ein grünhäutiger Mutant, der sich nach einem Flugzeugabsturz im Amazonasgebiet wiederfindet, erfährt durch den Kontakt mit pflanzlichem Chlorophyll eine radikale Verwandlung, die sein Aussehen und seine Fähigkeiten verändern. In Vidors Werk wird Blanka zu einem unerwarteten Besucher, der die Erzählung der bayerischen Entdecker unterbricht, indem er phantastische und surreale Elemente in die Geschichte fügt.

Abb. 28: Igor Vidor, Travels in Brazil: Spix, Martius and Blanka, #1, 2022, Digitalcollage

8.

Abb. 29: Ausstellungseröffnung, 2024 , Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München | Foto: Arturo Bonhomme

Über den physischen Ausstellungsraum hinaus weiteten sich die Diskussionen zu einer Reihe von Debatten und Medienberichten aus, die für das Verständnis der heutigen Wahrnehmung der Expedition sowohl in akademischen Kreisen als auch in der breiten Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung sind. Die Eröffnungskonferenz am 9. Februar 2024 veranschaulicht dies. An ihr nahmen die Künstlerinnen Frauke Zabel und Yolanda Gutierrez, die Schriftstellerin Micheliny Verunschk und die Historikerin Karen Macknow Lisboa teil. Jede Vortragende erläuterte die unterschiedlichen Ausgangspunkte – bildende Kunst, Geschichte und Literatur –, die sie dazu brachten, die Reisen von Spix und Martius nach Brasilien und ihre Auswirkungen auf den zeitgenössischen öffentlichen Diskurs zu untersuchen.

Abb. 30: Frauke Zabel spricht bei der Ausstellungseröffnung, Februar 2024, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München | Foto: Sabrina Moura

Auch wenn sich ihre Arbeiten mit Aspekten befassen, die für diejenigen, die das Erbe und den Ruf der bayerischen Wissenschaftler bewahren wollen, oft unbequem sind, ist es wichtig, diese kritischen Auseinandersetzungen nicht mit politischen Angriffen auf historische Biografien zu verwechseln. Solch kritische Auseinandersetzungen zielen vielmehr darauf ab, die kolonialen Dimensionen in der Geschichte der (Natur-)Wissenschaften aufzuzeigen und Diskussionen anzuregen, die sich nicht auf vereinfachende Narrative beschränken, sondern die Komplexität des aus solchen Erfahrungen hervorgehenden Wissens berücksichtigen.

Abb. 31: Micheliny Verunshk besucht die ehemaligen Grabstätte von Iuri and Miranha auf dem Alten Südfriedhof in München, Februar 2024 | Foto: Sabrina Moura

Eine kritische Wissenschaftsgeschichte – im Dialog mit den Künsten – läuft mit Erinnerungspolitik zusammen und betont so die Notwendigkeit, Geschichte und Geschichtsschreibung kritisch zu analysieren und trügerische homogene Linearität und einseitige Narrative zu hinterfragen. Das Projekt Travelling Back versuchte, sich solch einem einseitigen Narrativ zu entziehen, indem es Spix und Martius in eine Reihe unterschiedlicher Erzählerinnen dieser von Bayern aus unternommenen Brasilienreise einfügte.

Abb. 32: Micheliny Verunshk, Yolanda Gutiérrez und Karen Macknow Lisboa auf dem Alten Südfriedhof in München, February 2024 | Foto: Sabrina Moura

Ph.D. SABRINA MOURA ist Autorin, Researcherin und Kuratorin. Sie konzipierte und organisierte Forschungs- und öffentliche Programme für Institutionen wie das Goethe-Institut, Videobrasil, die Nationalen Kulturinstitute der Europäischen Union (EUNIC) und das Weltbiennale-Forum. Im Jahr 2016 war sie Gastwissenschaftlerin am Institut für Afrikastudien der Columbia University. Im Jahr 2022 war sie als UNESCO-Beraterin für kuratorische Forschung am Museu Nacional da República in Brasília tätig. Von 2023 bis 2024 war sie Fellow am Käte Hamburger Forschungszentrum global dis:connect, wo sie die Ausstellung Travelling Back. Blickwechsel auf eine Expedition von München nach Brasilien im 19. Jahrhundert, präsentiert im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München (2024), kuratierte. Mehr>>


[1] Ich danke Ann-Katrin Fischer und Sophia Fischer für ihre Unterstützung als kuratorische Assistentinnen.

Die MAIA-Bibliotheken stellen sich vor

Viktoria Räuchle über die Bibliothek des Instituts für Klassische Archäologie an der LMU und ihre Wohltäter |

Das wohl bekannteste Vermächtnis von James Loeb im altertumswissenschaftlichen Bereich stellt die im Jahr 1911 gegründete und bis heute laufende Editionsreihe Loeb Classical Library (LCL) dar, die Werke griechischer und lateinischer Autoren im Original mit englischer Übersetzung herausgibt. Unsere Bibliothek schmückt sich mit einer veritablen Sammlung von Erstausgaben der LCL-Reihe, zahlreiche von ihnen wurden unserem Institut von James Loeb persönlich geschenkt. Auf das Exlibris des Seminars, das die Göttin der Weisheit Athena mit einer Schreibtafel zeigt, wurde in diesen Fällen ein kleines Etikett in Form einer „Tabula ansata“ geklebt, welches den Band als Geschenk des Philantropen auszeichnet (Abb. 3).

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Die MAIA-Bibliotheken stellen sich vor

Viktoria Räuchle über die Bibliothek des Instituts für Klassische Archäologie an der LMU und ihre Wohltäter |

Die Bibliothek des Instituts für Klassische Archäologie (LMU) ist ebenso wie die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (ZI) sowie des Instituts für Ägyptologie und Koptologie, die sich gemeinsam mit den Bibliotheken des Bayerischen Nationalmuseums und des Museums fünf Kontinente zum MAIA-Verbund zusammengeschlossen haben, im Haus der Kulturinstitute untergebracht. Das ursprünglich als Parteizentrale der NSDAP dienende Gebäude war zwischen 1933 und 1936 auf dem Gelände des kurz zuvor abgerissenen Palais Pringsheim errichtet worden, das dem jüdischen Mathematiker Alfred Pringsheim und seiner Frau Hedwig, den Schwiegereltern Thomas Manns, gehört hatte. Nach dem Kriege richtete die US-amerikanische Militärregierung hier den „Central Art Collecting Point“ für die Rückführung der von den Nazis erbeuteten Kunstwerke ein, aus dem bereits 1946 das ZI hervorgehen sollte. Betritt man heute den großen Lichthof mit seinen roten Bodenplatten aus Saalburger Marmor und den monumentalen Pfeilern aus Solnhofener Platten, steht man in einem Wald von Abgüssen antiker Skulpturen, die zum Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke (MFA) gehören. Das MFA ging aus der Lehrsammlung des Instituts für Klassische Archäologie hervor, dessen in den Kriegswirren auf gerade einmal zwölf Objekte dezimierter Bestand bereits 1949 hier untergebracht wurde. Inzwischen gehört die Sammlung mit ihren rund 2.000 Abgüssen wieder zu den größten Museen dieser Art in Deutschland. Die strahlend weißen Gipse können (und sollen) die dunkle Vergangenheit des Bauwerkes freilich nicht übertünchen, stehen aber dennoch emblematisch für die Nutzung des Baus in der Gegenwart.

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Die MAIA-Bibliotheken stellen sich vor

Elisabeth Moselage über die Bibliothek des Bayerischen Nationalmuseums und die Klarissenchronik |

Das Bayerische Nationalmuseum (BNM), das „Schatzhaus an der Eisbachwelle“, ist eines der großen deutschen Museen zur Bildenden Kunst und zur Kulturgeschichte.

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Die MAIA-Bibliotheken stellen sich vor

Alexander Schütze über die Bibliothek des Institutes für Ägyptologie und Koptologie an der LMU und Lepsius’ Denkmaeler aus Aegypten und Aethiopien |

Die Bibliothek des Institutes für Ägyptologie, die sich im 2. Stock des Hauses der Kulturinstitute am Königsplatz befindet, umfasst rund 17 000 Bände zu nahezu allen Bereichen der Philologie, Archäologie und Kunstgeschichte des Alten Ägypten, darüber hinaus größere Bestände zur Koptologie und Sudanarchäologie. Sie beinhaltet neben Monografien, Kongressbänden und Zeitschriften (davon 58 als laufende Abonnements) auch zahlreiche Ausstellungs- und Bestandskataloge ägyptischer Museen und Sammlungen. Der Bestand der Bibliothek umfasst sowohl ältere Werke als auch die neueste Fachliteratur: Die zahlreichen Bände des Catalogue général des antiquités égyptiennes du Musée du Caire (1901– ) finden sich hier genauso wie Kenneth A. Kitchens Ramesside Inscriptions (1975– ) oder die Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Abteilung Kairo (1930– ). Jedes Jahr kommen ca. 300 Titel hinzu, die u.a. aufgrund der großzügigen Unterstützung des Fördervereins des Institutes, des Collegium Aegyptium und der Carl Friedrich von Siemens Stiftung erworben werden können.

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Sonja Nakagawa: MAIA liefert!

Maja – das ist die abenteuerlustige Biene aus der Feder Waldemar Bonsels. Maia – so hieß die Amme des Tutanchamun und ein altägyptischer Schatzhausvorsteher. Maia – das ist eine arkadische Nymphe, Geliebte des Zeus, die Mutter von Hermes. Durch Zeus an den Sternenhimmel versetzt, findet sich Maia im familiären Verbund mit Atlas und Pleione sowie sechs ihrer Schwestern in der Gruppe der Plejaden im Sternenbild des Stiers.

Der Forschungs- und Bibliotheksverbund MAIA | Munich. Artefacts, Images, Architecture. Research and Resources wiederum, ein Gemeinschaftsprojekt des Bayerischen Nationalmuseums, der Institute für Klassische Archäologie, Ägyptologie und Koptologie der LMU München, des Museums Fünf Kontinente und des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, möchte sowohl den Wissenschaftsaustausch als auch die Münchener Wissenschaftsinfrastruktur fördern und wie die Himmelskörper in einem Sternenbild vernetzen. Mit MAIA sind für Forschende nun weit über 1 000 000 Bücher recherchierbar und stehen an allen diesen Standorten zur Verfügung.

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