Esther Wipfler über ein verkanntes Bild-Medium: Das Gesangbuch

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gesangbuch in jedem Haushalt zu finden, bot Platz für die Familiengeschichte und -erinnerungen durch Eintragungen und Einlagen. Kaum jemand vermutet in dieser Art von Literatur eine Quelle für das bürgerliche Selbstverständnis und den Ausdruck von Landesherrschaft. Aber gerade weil es so oft auch zu Hause zur Hand genommen wurde, nutzten die seine Herausgabe autorisierenden Körperschaften dieses Buch zur Identitätsstiftung, insbesondere durch seine Bebilderung.

Der Stolz auf die eigene Gemeinde spiegelt sich zumeist in Stadtansichten, die von himmlischen Heerscharen beschützt werden. Geflügelte Herzen symbolisieren die andächtige Seele, der der himmlische Lohn sicher sein kann. (Abb. 1)
Die meisten protestantischen Gemeinden hatten im 19. Jahrhundert noch ihre eigenen, individuell gestalteten Gesangbücher, wohingegen in der katholischen Kirche in den Diözesen einheitliche Ausgaben verwendet wurden. Auch die Auslandsgemeinden verwendeten ihre eigenen Gesangbücher. Noch im 19. Jahrhundert zeigten die deutschen Auswanderer in den USA ihre Identität mit einem Gesangbuch, in dem sogar der Erscheinungsort in deutscher Phonetik angegeben war. Das Frontispiz mit dem harfespielenden David entsprach den reformierten Vorlagen im ehemaligen Heimatland und verwies auf den Psalter. (Abb. 2)

Darüber hinaus gab es illustrierte Ausgaben einzelner Lieddichter. Einzigartig ist das von dem reformierten Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander veröffentlichte Gesangbuch „De gulden harpe“ (1. Aufl. Haarlem 1606), das dessen Porträt nach einem Kupferstich von Jan Saenredam nach Hendrik Goltzius mit dem religiösen Motto „Mensch soeckt veel, doch een is noodich“ („Der Mensch sucht viel, nur eins ist nötig“) ziert.

Der Landesfürst als Kirchenherr wurde im Gesangbuch durch sein Porträt repräsentiert. Dies verlangte nach Aktualisierung bei einem Regierungswechsel, was aber nicht immer gelang: So wurde im Hannoverschen Gesangbuch von 1733 ein Bildnis Georgs I. von England nach einem Porträt von Godfrey Kneller unter der Bezeichnung „Georg III.“ abgebildet. Eigentlich hätte hier jedoch der damals regierende Georg II. dargestellt sein müssen, was ein aufmerksamer Zeitgenosse handschriftlich korrigierte. (Abb. 3)

Zeigte sich der Fürst mit seiner Gemahlin, so sind diese im 17. und 18. Jahrhundert zumeist einander zugewandt, während im 19. Jahrhundert ― offenbar als Reflex auf die gewandelten politischen Verhältnisse ― das Paar häufiger den Blickkontakt mit den Betrachtern, also den Untertanen, zu suchen scheint.
In Preußen gelang dieser Porträtwechsel stets, allerdings mit einer Ausnahme: So durfte die so beliebte Königin Luise länger als zu Lebzeiten auf den Vorsatzseiten lächeln, dafür wurde die zweite Gattin Friedrich Wilhelms III., die Fürstin Liegnitz, einfach ignoriert. Besonders traditionsbewusst zeigte sich das Haus Württemberg, das dem Tübinger Gesangbuch von 1736 gleich eine ganze Ahnenreihe seit Eberhard im Bart (1445 – 1496) hinzufügte. So stärkte man die Bindung an das regierende Haus und führte dessen Anciennität vor Augen.

Die beteiligten Künstler verwendeten für die Porträts und Stadtansichten zumeist gestochene oder gemalte Vorlagen, bei den allegorischen Themen dagegen kam es zu neuen Bilderfindungen oder Motivkombinationen (siehe Abb. 1).

Für Hinweise auf (private) Sammlungen von illustrierten Gesangbüchern und einzelne Exemplare insbesondere aus dem 16.–18. Jahrhundert ist die Verfasserin dankbar (gerne per Email an e.wipfler@zikg.eu), da eine Monographie ausschließlich über die Bebilderung von Gesangbüchern in Vorbereitung ist.

DR. ESTHER WIPFLER ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Realienkunde am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.