Iris Lauterbach über die Auslagerung und Auffindung der NSDAP-Kartei vor 75 Jahren

Zwischen dem 18. und 27. April 1945 veranlasste die „Reichsleitung der NSDAP“ die Auslagerung der NSDAP-Kartei aus dem „Verwaltungsbau der NSDAP“ am Königsplatz in die Papierfabrik Joseph Wirth in Freimann nördlich von München. Durch passiven Widerstand widersetzte sich Hanns Huber, der Geschäftsführer der Fabrik, dem Befehl, die Kartei einzustampfen. Er bewahrte dieses umfangreiche Beweismaterial vor der Vernichtung und übergab es der amerikanischen Militärregierung. So rettete er diesen dokumentarischen Kernbestand, auf den die Anklage in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und die der Entnazifizierung dienenden Spruchkammerverfahren der Nachkriegszeit zurückgreifen konnten (Abb. 1). Heute ist die NSDAP-Kartei ein Bestand des Bundesarchivs in Berlin.

Der „Verwaltungsbau der NSDAP“ im Gebäude Arcisstraße (heute: Katharina-von-Bora-Straße) 10 übte bis zum Ende des Krieges in vollem Umfang die Funktionen aus, für die er errichtet worden war. Die Dienststelle des hier amtierenden Reichsschatzmeisters Franz Xaver Schwarz war eine der beiden Abteilungen der „Reichsleitung der NSDAP“. Die NSDAP-Karteien nahmen in dem bis 1937 nach Entwurf von Paul Ludwig Troost errichteten „Verwaltungsbau“ mehrere Karteisäle und Registraturen im Erdgeschoss (Abb. 2) und Untergeschoss ein.

Hölzerne Schubläden in Stahlschränken enthielten die alphabetisch sortierte Reichskartei der NSDAP und die topografisch geordnete Gaukartei. Ende 1944 betrug die Zahl der lebenden Parteigenossen etwa 8,8 Millionen. Insgesamt waren am Ende des Krieges etwa 11 Millionen Karteikarten erhalten.
Die NS-Partei propagierte ihre Verzeichnisse „als ein Kunstwerk an neuzeitlicher Organisation“ (Völkischer Beobachter, 10.12.1937). Perfektionierung, Rationalisierung und Automatisierung der Büroarbeit waren international diskutierte Themen der 1920er und 1930er Jahre. Der Mythos der NSDAP-Kartei als Muster bürokratischer Durchdringung der in ihr verkörperten Masse ist in der Sache zeittypisch und gleichzeitig unverkennbar politische Propaganda im Dienst der nationalsozialistischen Partei und eines totalitären Systems.
Vom 18. bis 27. April verbrachten zwanzig Lastwagen mit Anhängern insgesamt 65 Tonnen Papier aus dem „Verwaltungsbau“ in die Papierfabrik Joseph Wirth nach Freimann. Huber ließ den Befehl, das nach und nach eintreffende Material einzustampfen, unausgeführt. Überraschend gelang es ihm, dies vor den NSDAP-Funktionären zu verbergen: eine mutige Entscheidung von politischer Tragweite. Es sollte jedoch bis in den Herbst 1945 dauern, bis die US-Militärregierung die immense politische Relevanz der zu großen Haufen aufgetürmten Karten und Akten in der Papierfabrik erkannte und alles Nötige für ihre Sicherung veranlasste. Im Oktober 1945 dokumentierte der Fotograf Herbert List, der für die von der Militärregierung herausgegebene Zeitschrift „Heute. Die Amerikanisch-deutsche Illustrierte“ tätig war, die Kartei im Chaos (Abb. 3).

Prof. Dr. IRIS LAUTERBACH ist Forschungsreferentin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Honorarprofessorin an der Technischen Universität München.