Christian Fuhrmeister zur Ausstellung „Harald Pickert– Die Pestbeulen Europas. Naziterror in Konzentrationslagern, 1939-45“

Der Maler, Grafiker und Verleger Harald Pickert (Leitmeritz [heute Litoměřice] 1901 – Kufstein 1983) nahm in den 1930er Jahren mit gewissem Erfolg an verschiedenen Sudetendeutschen Kunstausstellungen teil. Im Herbst 1938 wurde er für eine Woche in der „kleinen Festung Theresienstadt“ inhaftiert, obwohl er den Einmarsch der Wehrmacht in das Sudetenland am 1. Oktober 1938 (in der Folge des „Münchner Abkommens“ vom 29. September 1938) noch begrüßt hatte. Er änderte seine Meinung zum Nationalsozialismus, vor allem zur Expansionspolitik des Regimes, im Laufe des Jahres 1939 und äußerte sich zunehmend kritisch gegenüber verschiedenen Aspekten der nationalsozialistischen Weltanschauung, weswegen er am 31. Oktober 1939 (wie schon sein Vater Karl 1938-39) als politischer Häftling in „Schutzhaft“ genommen wurde und die nächsten Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen/Oranienburg, Mauthausen, Dachau sowie Außenlagern (wie die Messerschmittwerke in Haunstetten/Augsburg) verbrachte.

Nach seiner Befreiung im KZ Dachau Ende April 1945 dokumentierte er u.a. auf Briefpapier der „Besoldungsstelle der Waffen-SS“ und der von der SS betriebenen Porzellanwerke Allach seine Beobachtungen und Erinnerungen. Viel spricht dafür, dass auch die Skizzen von Folterszenen unmittelbar nach der Befreiung entstanden, als Pickert sich im Mai 1945 zusammen mit rund 30.000 weiteren Häftlingen unter amerikanischer Aufsicht im ehemaligen Stammlager in Dachau aufhielt.

Der akademisch auch in München ausgebildete Künstler stellte aus dieser Auseinandersetzung mit seiner Traumatisierung im Lagersystem einen Zyklus zusammen, den er Die Pestbeulen Europas. Naziterror in Konzentrationslagern, 1939-45 nannte.

Das umfangreiche Mappenwerk wurde 1947 ausgestellt und geriet dann in Vergessenheit, bis dieser Teil von Harald Pickerts Œuvre 2015 im Familiennachlass wiederentdeckt und 2018/2019 im Rahmen der Ausstellung „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung: Kunst und Nationalsozialismus in Tirol“ im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck präsentiert wurde.
Die in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum München entstandene, als Teil von Tell me about yesterday tomorrow konzipierte Ausstellung im Zentralinstitut für Kunstgeschichte zeigt noch bis zum 29. Juli 2020 Bleistiftskizzen, Reinzeichnungen, Tuschezeichnungen und Radierungen, die im Umfeld des Zyklus entstanden sind. Pickerts Werke dokumentieren nicht nur Präsenz und Absenz von Gewalt, sie bezeugen auch einen mehrdimensionalen Transformationsprozess, bei dem Entsetzen und Abscheu ebenso zu beobachten sind wie Abrechnung, Appell und Anklage.

PD Dr. CHRISTIAN FUHRMEISTER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.