Ursula Ströbele zu zeitgenössischer Kunst und künstlicher Intelligenz – Gretta Louw

Vor einer grauen Wand hängt zwischen zwei Laternen eine große Werbetafel. Sie zeigt ein großes fliederfarbenes Plakat. Darauf ist in schwarzen Großbuchstaben zu lesen: "WHAT IF THE STREETS WERE BLOOMING?".

Künstliche Intelligenz, Machine Learning und neuronale Netzwerke bilden ein technologisches Werkzeug, mit dem sich Künstler*innen der Gegenwart auf vielfältige Weise auseinandersetzen – so #1 – Morehshin Allahyari und #2 – Egor Kraft (ZI Spotlight 21.4.2020 >>) oder Gretta Louw, die im Zentrum des vorliegenden Beitrags steht. Louw unterzieht menschliche und algorithmische Lernprozesse einem experimentellen Vergleich.

#3 – Gretta Louw

Umgeben von einem wellenförmigen, grünen Pattern blickt die rot konturierte, schemenhaft anmutende Silhouette eines Kinderkopfes dem Betrachter mit ernstem Blick entgegen (Abb. 1). Aus dem linken oberen Bildfeld schweben signetartig abstrahierte Quallen in blau und schwarz diagonal über die Fläche. Das querrechteckige Leinwandbanner (185 x 135 cm) entstammt dem Projekt They Learn Like Small Children (seit 2019) von Gretta Louw. Die australische Künstlerin lebt in München und arbeitet für diese Serie mit ihrem 5-jährigen Sohn Caspar und einem Generative Adversarial Network (GAN). Entstanden ist das ursprünglich digitale Bild, indem sie ein GAN mit rund 100 Zeichnungen ihres Sohnes und einem zweiten Datensatz mit aus dem Netz gezogenen Fotografien von Kindern trainierte. Der Kopf und das glitch-artige Muster sind gedruckt; Details der Kinderzeichnungen, wie die blauen, blitzartigen Quallen, wurden maschinell auf die Leinwand gestickt. Während ihrer Recherche sei sie mehrfach auf den von Programmierern gezogenen Vergleich einer künstlichen Intelligenz mit dem Lernprozess eines Kindes gestoßen, insofern beide dem Trial-and-Error-Prinzip folgen würden. Doch worin liegen die Unterschiede der sich kognitiv, physisch und affektorientiert entwickelnden Intelligenz eines heranwachsenden Kindes und derjenigen eines Algorithmus, der erst durch die von ‘Menschenhand‘ eingespeisten Bilder und Kodierungen zu lernen beginnt? Trotz der im Alltag inzwischen ubiquitär vorhandenen Präsenz von KI und Machine Learning verweist die studierte Psychologin Louw auf die Grenzen dieser in den vorherrschenden Narrativen oftmals ‘allmächtig‘ bezeichneten Technologien, die über die Metaphorik der Kindheit bzw. des Kindesalters eine Anthropomorphisierung künstlicher Intelligenz evozieren, ohne dass diese Technologien menschliche Züge wie Empathie und Emotionen teilen. Sie fragt: „If so-called AI learn like human children who is doing the (non-gendered) mothering of AIs? How can we use this paradigm of childhood, cognitive development, and parenting to bring feminist care principles to bear on onward-marching algorithmic systems?“

Auch in ihrer kurz nach dem Lockdown in München gezeigten Arbeit The Commons (Abb. 2/3) stellte sich Louw Fragen zu algorithmischen Kommunikationsstrukturen und personalisierten Nachrichtenzuteilungen im digitalen ‘öffentlichem Raum‘ bei Instagram und im analogen öffentlichen Raum, befragt dabei dessen gewerbliche vs. private Nutzung. Für die Dauer von zehn Tagen plakatierte sie im Rahmen der Kunstserie Öffentlichkeiten Litfaßsäulen und Werbeflächen und publizierte in den sozialen Medien Sätze wie „Imagine Pro-social social media“, „If there are ads your attention is on sale“ und „Algorithms are talking about us behind our backs“ (Abb. 2) – in schwarzer Schrift auf monochromen Hintergrund.
Die digitalen Plakate wurden wie Werbeanzeigen auf Instagram veröffentlicht, wobei Louw auf die Möglichkeit einer spezifizierten, demographischen Adressierung verwies, indem sie die für kommerzielle Zwecke zur Verfügung stehenden Dashboards zur Steigerung der User-Aufmerksamkeit verwendete. Angezeigt wurde in Louws künstlerischer Offenlegung diese normalerweise versteckten Informationen zum intendierten Konsumentenkreis, die hier zwischen 13 und 65 Jahre alt, in Bayern lebend und an Online Shopping, viralen Videos und Memes interessiert sein sollten. Die User wurden in Kenntnis darüber gesetzt, warum gerade sie den jeweiligen Post zu sehen bekamen – ein spielerischer, reflexiver Kommentar zur algorithmischen Cybernetik ‘hinter‘ den individuellen Displays und Bildschirmen.

Dr. URSULA STRÖBELE ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Leiterin des Studienzentrums zur Kunst der Moderne und Gegenwart.

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