Yvonne Schweizer über NFT-Kunst (I)

DER ZAUBER DES NATIV DIGITALEN UNIKATS

Im Februar 2021 geht ein Raunen durch die Kunstwelt: Non-Fungible Tokens, kurz NFTs, scheinen den Kunstmarkt zu revolutionieren. Der 40-jährige Beeple, ein seit 2007 auf der Plattform Tumblr tätiger Grafikdesigner, erzielte im Februar für seine digitale Collage Everydays: The First 5000 Days einen Rekordpreis. Seit 2007, dem Gründungsjahr von Tumblr, lädt Beeple täglich ein digitales Werk auf die Plattform. Das Besondere: Die einzelnen Bestandteile der Collage bleiben auch nach der Versteigerung auf der Tumblr-Plattform sowie auf Instagram stehen. Jede Userin und jeder User kann die nativ digitalen Arbeiten als Bilddateien downloaden. Über die Hashtags #beeple und #everyday sind die einzelnen Bildelemente miteinander verbunden. Sie liefern den Bausatz für die Collage; mit einem entsprechenden Visualisierungstool wäre der vom Auktionshaus ausgegebene Screenshot der JPEG-Datei (Abb. 1) gar eins zu eins reproduzierbar.

Abb. 1: Beeple, Everydays: The First 5000 Days, 2021, JPEG-Datei © Christie’s Images Ltd. 2021
Abb. 1: Beeple, Everydays: The First 5000 Days, 2021, JPEG-Datei © Christie’s Images Ltd. 2021

Doch auf nur einem einzigen Rechner der Welt liegt ein mit einem Token als Echtheitszertifikat versehenes Unikat. Ihm ist eine digitale Blockchain-Signatur verliehen worden. Dieses Verfahren wird seit 2014 eingesetzt und geschieht über einen unveränderlichen und quasi fälschungssicheren Eintrag, der der Collage auf Dauer beigegeben ist. Die Versprechen der sogenannten Marketplaces, auf denen NFT-markierte Kunst gehandelt wird, sind für digital arbeitende Künstler*innen verlockend. Man erreiche eine junge Käuferschaft, die mit den Ästhetiken und den viralen Spielregeln der Internetkultur vertraut ist, also genug Verständnis und Kontextwissen für die Kunstwerke aufbringe. Man könne Kunst direkt und ohne Umwege über Galerien ans Publikum bringen. Trotzdem verkünden erste Galeristen wie der Berliner Johann König ihren Einstieg in den NFT-Auktionsmarkt. Hier bilden sich derzeit neue Allianzen; das Feld des Kunstmarktes fächert sich ohne Verdrängungseffekte weiter auf: Die digitalen Marketplaces treten neben traditionelle Galerien und Auktionshäuser, sie sprechen je unterschiedliche Zielgruppen an.

Für Kunsthistoriker*innen ist die anhaltende Debatte über NFTs ein Lehrstück in Fragen der Werk- und Wertzuschreibung. Es sind Zuschreibungen, die den Status des Originals oder vielmehr den Statuswechsel zum Original markieren. Denn um eine der zig Millionen frei im Internet kursierenden Werkzustände eines Gifs oder eines Memes besonders hervorzuheben, braucht es einen gewissen Zauber, ein Transitionsereignis. Im Fall von Beeple ist es die Auktion bei Christie´s sowie die durch diese Instanz vollzogene Weihe. Ein Bestandteil des Ritus ist Christie’s Begleittext zur Auktion, der die Verwandlung performativ vollzieht. Anhand der für die Auktion entwickelten Paratexte können wir derzeit live verfolgen, dass Originale diskursiv hergestellt werden. Der Text skizziert die Wandlung des Grafikdesigners Mike Winkelmann zu Beeple, dem signierenden Künstler. Sein bisheriges Œuvre, das den Zeitraum vom 1. Mai 2007 bis Januar 2021 umfasst, belegt das Auktionshaus mit dem Begriff der „evolution“. Es entfalte sich vom zeichnerischen Frühwerk zum komplexen 3D-Rendering und sei komprimiert in fünf „key pictures“. Dieses von der Kunstgeschichte längst problematisierte Entwicklungsnarrativ liefert den Hintergrund für das nativ digitale NFT-Original.

Weiter geht es am Freitag, dem 11. Juni 2021, mit Teil 2 zur Mediengeschichte des nativ digitalen Originals…

Dr. YVONNE SCHWEIZER ist Juliane-und-Franz-Roh-Stipendiatin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und wissenschaftliche Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern.