Esther Wipfler über die Künstlerin(nen) in der Walhalla bei Donaustauf

Headerabbildung_Namenszug_Büste_Käthe_Kollwitz_Uwe Spiekermann, 2019 (Wikimedia Commons, Foto:OTFW, Berlin, 2019

In der im Auftrag des bayerischen Kronprinzen Ludwig, des späteren Königs Ludwig I. bei Donaustauf errichteten Gedenkstätte Walhalla wird derzeit an 195 europäische Persönlichkeiten aus Geschichte, Wissenschaft, Literatur, Musik und bildender Kunst mit einer Büste oder Gedenktafel erinnert.

Künstler hatten es von Anfang an leicht, in diesen Olymp aufgenommen zu werden: Jan van Eyck, Anthonis van Dyck, Hans Memling, Peter Paul Rubens, Frans Snyders, Peter Vischer und Erwin von Steinbach gehörten offenbar zur persönlichen Auswahl des kunstliebenden Kronprinzen. Immerhin beabsichtigte der Monarch wohl noch 1838 der klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann (1741−1807) in der Walhalla ein Denkmal zu setzen, wie Simone Steger in ihrer 2011 vorgelegten Dissertation dargelegt hat. Eine Büste von Angelika Kauffmann wurde zwar von dem mit der Künstlerin wohl nicht verwandten Peter Kaufmann kurz nach deren Tod in Rom aus Carrara-Marmor angefertigt, aber nie in der Walhalla aufgestellt. Warum Ludwig die seinerzeit so geschätzte Malerin schließlich nicht mehr für würdig erachtete, sie in seinem Ruhmestempel zu verewigen, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Die 1808 vollendete, aber nun nicht mehr benötigte Büste fand schließlich einen Platz in der Neuen Pinakothek (Abb. 1). Eine zweite Büste, die der Künstler offenbar gleichzeitig für das Pantheon in Rom anfertigte, wurde dort sogar neben der Büste Raffaels aufgestellt (heute steht sie allerdings in der Sala della Protomoteca im Konservatorenpalast in Rom).

Die Entscheidung Ludwigs I. erklärt nicht, warum man den Zustand nicht später änderte, als das Volk das Vorschlagsrecht für die Auswahl der zu ehrenden Persönlichkeiten erhielt, denn an berühmten Künstlerinnen mangelt es ja bekanntlich nicht. Wenn man aber fragt, wie viele Künstlerinnen aktuell in der Walhalla mit einer Büste oder Gedenktafel geehrt werden, so erhält man die ernüchternde Antwort, dass es sich nur um eine einzige handelt, nämlich um Käthe Kollwitz (1867−1945) (Abb. 2). Blickt man auf das Jahr der Aufstellung der Büste, so darf man sich noch mehr wundern: 2019, also 100 Jahre nachdem Käthe Kollwitz zum ordentlichen Mitglied in die Preußische Akademie der Künste gewählt wurde, die sie dann 1933 aus politischen Gründen verlassen musste.

In der Walhalla war Käthe Kollwitz 2019 die dreizehnte berühmte Frau, die mit einer Büste geehrt wurde (Abb. 3). Die Aufstellung der Skulptur und ihre Finanzierung ist einer besonderen Initiative zu verdanken: Die einst als Lehrerin an der Käthe-Kollwitz-Schule in Hannover tätige Gabriele Meuer initiierte nach dem Besuch der Walhalla im Jahr 2009 das Schulprojekt „Käthe Kollwitz zu Ehren“ und konnte mit Hilfe eines gleichnamigen Vereins 30.000 Euro Spenden zur Finanzierung des Werks vor allem an Schulen sammeln, die den Namen der Künstlerin tragen. Der Bildhauer Uwe Spiekermann führte das Porträt nach Fotografien und Selbstbildnissen dann in Laaser Marmor in seiner Werkstatt in Langenhagen aus (Abb.4; Abb. 5). Es zeigt die gereifte Künstlerin mit ihrer ausdrucksstarken Physiognomie, den ernsten, kritischen Blick nach vorne gerichtet, auf ihrer Suche nach dem Wesentlichen.

Die Annahme des Vorschlags von Gabriele Meuer, die auf Empfehlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch den Bayerischen Ministerrat 2017 erfolgte, bestimmte aber offenbar nicht die künstlerische Qualität der Arbeiten der sozialkritischen Grafikerin, Malerin und Bildhauerin, sondern vor allem ihre Sujets: So wird in einer offiziellen Verlautbarung von Staatsminister Bernd Sibler zum Werk der Künstlerin lediglich erklärt, dass diese „dem gesellschaftlich bedingten Leid des einzelnen Menschen, insbesondere von Frauen und Kindern, durch soziale Ungerechtigkeit, Krieg und Verfolgung ungeschönten Ausdruck verliehen“ habe (>>).

DR. ESTHER WIPFLER ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Realienkunde am Zentralinstitut für Kunstgeschichte.