Nadine Raddatz über den Fotografen Ferdinand Schmidt

EIN SCHATZFUND IN DER ZI-PHOTOTHEK

Das Team der Photothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte arbeitet gegenwärtig an der Digitalisierung ihres größten fotografischen Teilbestands: die sogenannte Topografie Deutschland. Das sind Aufnahmen von Bauwerken, aber auch beweglichen Kunstobjekten alphabetisch sortiert nach Ortsnamen. Die mit Unterstützung von Google Arts & Culture gescannte Sammlung wird seit 2019 intensiv mit Metadaten erschlossen. Ein sportliches Unterfangen: mehr als 120.000 Objekte werden derzeit betrachtet und beschrieben und sollen noch dieses Jahr online gehen.

In diesem Material fand sich eine Fotografie, für die sich anhand des Digitalisats kein Urheber ermitteln ließ. Nachdem die Aufnahme aus dem Depot geholt und buchstäblich unter die Lupe genommen wurde, ließ sich ein Blindstempel in der unteren rechten Ecke mit der Aufschrift „Ferdinand Schmidt Nürnberg“ und Jahreszahl erkennen (Abb. 1). Daraufhin erfolgte eine Untersuchung weiterer Aufnahmen im Original, die in einem ähnlichen Zeitraum entstanden sein mussten, so dass mehr und mehr Fotografien Ferdinand Schmidt anhand eines Blindstempels zugewiesen werden konnten. Das Ergebnis: Während zuvor nur eine Handvoll Aufnahmen dem Fotografen zugeordnet waren, sind es nun weit über 80 Stück. Alle Aufnahmen zeigen Nürnberg im Zeitraum von 1870 bis 1909. Ferdinand Schmidt (1840-1909), der auch Chronist des alten Nürnbergs genannt wird, hat die Stadt in einer Zeit großen Umbruchs Jahr um Jahr während ihrer Veränderung festgehalten.

Beim Überblicken dieser Sammlung in der Photothek stechen besonders schöne Aufnahmen von Innenhöfen Nürnberger Bürgerhäuser aus der Spätgotik und der Renaissance hervor; Bauwerke, die heute nicht mehr erhalten sind (Abb. 2). Zudem hatten es polygonale Treppentürme dem Fotografen angetan. Immer wieder taucht dieses Motiv in seinen Bildern auf.

Betrachtet man die vorliegende Aufnahme eines Hinterhofs eines alten Bürgerhauses, welches von um 1600 bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg an der Adresse Äußerer Laufer Platz 17 stand, so fallen die scheinbar in Momentaufnahme festgehaltenen, tennisspielenden Kinder auf (Abb. 3). Nur der den Kopf schüttelnde Hund verrät, dass die Spieler wohl eine ganze Weile in ihrer starren Position ausgeharrt haben, während Schmidt sein Foto schoss. Diese Kinder erinnern, so wie auch andere Kinder oder Städter, die immer wieder Schmidts Motive auflockern, an Staffagefiguren, wie sie in der Landschaftsmalerei vorkommen.
Die pittoresken Aufnahmen Schmidts zeigen, dass seine Fotografie noch stark der Tradition der Malerei verpflichtet ist. Und dies ist nicht verwunderlich, war doch sein Vater Georg Schmidt (1811-1867), der 1849 ein fotografisches Atelier in Nürnberg eröffnete, welches der Sohn 1867 übernahm, vormals Maler gewesen.
Eine Auswahl an Ferdinand Schmidts Hinterhof-Aufnahmen und die Geheimnisse der darauf gezeigten Bauwerke werden demnächst in einer virtuellen Ausstellung bei Google Arts & Culture vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte präsentiert.

NADINE RADDATZ, M.A. ist Dokumentarin in der Photothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte.