Annalena Brandt zu Stefan Moses’ Künstler machen Masken

Vier gerahmte Schwarzweißfotografien hängen nebeneinander and einer weißen Wand. Zu sehen sind ein Mann, der sich eine Schere vors Gesicht hält, ein Mann mit verschmiertem Gesicht, ein Mann, der aus einem Tuch mit Nägeln hervorschaut und ein Objekt auf einem hellen Vorhang. Unter den Fotos ist jeweils ein kleiner Zettel angebracht.

„Niemand möchte erkannt werden, wie er wirklich ist“ wusste Stefan Moses bereits früh in seiner fotografischen Laufbahn (Günter Engelhard, Künstler zeigen ihr wahres Gesicht, in: Art 10, 2001, S. 14–27, hier S. 26). Er bat daher Künstlerkolleg*innen spontan, anschließend an offizielle Porträtsitzungen, innerhalb von fünf Minuten eine Maske zu basteln und für ihn damit zu posieren.

Über einen Zeitraum von 40 Jahren entstand daraus die Serie Künstler machen Masken mit intuitiven und persönlichen Interpretationen der Künstler*innen: Otto Dix hält sich simpel, aber effektiv eine Schere vor die Augen, Katharina Grosse ist in ihrem Arbeitsoutfit mit Sprayermaske zu sehen (Abb. 1) und Rupprecht Geiger verbirgt sich hinter einem Abstreifgitter, für seine Siebdrucke eines der meistgebrauchten Arbeitsinstrumente.

Aufwendiger wird es bei Meret Oppenheimer, die unter einer Vogelmaske komplett verschwindet, auch Jörg Immendorf ist hinter einem mit einem Auge bemalten Atemschutz kaum zu erkennen (Abb. 2). Victor Vasarely hingegen nähert sich mit einem Rechen vor seinem Gesicht seiner gestreiften Op-Art visuell an (Abb. 3), auch die Nägel um Günther Ueckers Kopf verschmelzen optisch mit seinen Haarsträhnen. Ob diese Masken nun also dazu dienten, zu verbergen oder aufzudecken, ist vermutlich eine Frage der Perspektive.

Bevor sich Moses mit den Künstler*innen für die Porträtsitzungen traf, arbeitete sich der Fotograf intensiv in das Werk dieser Personen ein: Er las Schriften von ihnen und über sie, unterhielt und beschäftigte sich lange mit ihnen. So baute er Vertrauen auf und konnte anschließend etwas Ungewöhnliches erbitten: mit Schein und Sein zu spielen. Durch die Maskierung erhielt jeder Fotografierte die Möglichkeit, sich von seiner anderen, teilweise unbekannten Seite zu zeigen, getreu dem Motto „Sua cuique persona“ („Jedem seine Maske“), wie es bereits ca. 1510 auf einem Ridolfo Ghirlandaio zugeschriebenen Schiebedeckel in den Uffizien heißt, der einst das Porträt einer jungen Dame („La Monaca“) schützen bzw. verbergen sollte. Doch nicht nur in der Kunst spielen Masken seit Langem eine Rolle, gerade im letzten Monat wären Masken üblicherweise unter Fastnachtsgänger*innen und Karnevalist*innen auf allen Straßen beliebt gewesen, um den Winter auszutreiben, damit das Leben zurückkehren kann…

Elf Fotografien aus Moses’ Serie Künstler machen Masken sind in den Lesesälen 2 und 3 des Zentralinstituts für Kunstgeschichte ausgestellt (Beitragsbild © Else Bechteler-Moses, Foto: A. Brandt) (https://www.zikg.eu/aktuelles/nachrichten/schenkung-stefan-moses-kuenstler-machen-masken).

ANNALENA BRANDT, M.A. ist wissenschaftliche Hilfskraft am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und promoviert über Künstlerporträts.