Theresa Sepp über (Buchstaben-)Codes bei Hugo Helbing

Im Jahr 2016 und am 28. April 2021 hat das ZI insgesamt gut 670 annotierte Auktionskataloge des zwischen 1887 und 1937 aktiven, weit über München hinaus bekannten Auktionshauses Hugo Helbing erhalten. Diese und weitere Bestände annotierter Helbing-Kataloge aus Zürich (Kunsthaus Zürich sowie Cassirer-Feilchenfeldt-Archiv) werden aktuell im Rahmen eines DFG-Projekts von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert und sukzessive online gestellt. Dadurch werden die fragmentierten Teil-Bestände der Kataloge virtuell vereint, online frei zugänglich und damit erstmals übergreifend auswertbar.

Nur durch die digitale Zusammenführung werden Zusammenhänge erkennbar und Rätsel lösbar, deren Bearbeitung zuvor viele Forschungsreisen und Kopfzerbrechen verursachten. Ein Beispiel dafür sind von Hand geschriebene, sehr kryptisch wirkende Buchstabenfolgen, die in etlichen Helbing-Katalogen zu finden sind: OSH, RKH, SHPH, KOS, NJS … Sie sind manchmal nur vereinzelt bei den im Katalog gelisteten Objekten zu finden (Abb. 1), manchmal ist der gesamte Katalog mit ihnen annotiert (Abb. 2).

Abb. 2: Ausstellung Nachlass Prof. Dr. Eduard Arning, Hamburg, Teil 2: aus anderem Besitz, 12. Juli bis 12. Aug. 1937, Hugo Helbing, München 1937, S. 13 [Detail] (https://doi.org/10.11588/diglit.53277#0019)

Worauf verweisen diese Kürzel? Handelt es sich dabei um Abkürzungen für Namen von Einliefer*innen? Um eine verschlüsselte Bezeichnung von Eigentumsbeteiligungen an einem zu versteigernden Objekt? Sind auf diese Weise vielleicht die Stand- oder Lagerorte von Kunstwerken verzeichnet? Oder hat sich jemand einfach einen Spaß erlaubt?

Es ist schon länger bekannt, dass Kunsthandlungen Buchstabencodes verwendeten, um Preise zu verschlüsseln. Prominentes Beispiel dafür ist der niederländische Kunsthändler Jacques Goudstikker (1897-1940), der in sein berühmtes Black Book die Einkaufspreise als Buchstabenfolgen notierte (Abb. 3).

Abb. 4: Galerie Heinemann, Kartei der verkauften Kunstwerke, Heinemann Nr.: 15437 (http://heinemann.gnm.de/de/kunstwerk-8578.htm)

Auch die Mitarbeiter*innen der Münchner Galerie Heinemann verschlüsselten Ankaufs-, aber auch Verkaufspreise in ihren internen Geschäftsunterlagen und -karteien (Abb. 4).

Schon vor Jahren wurde durch die Erschließung des Nachlasses der Galerie Heinemann der Code geknackt, mit dem aus kryptischen Buchstabenfolgen plausible Zahlenfolgen wurden.

Der vergleichende Blick auf Geschäfts- und Notationspraktiken legt nahe, dass auch im Hause Helbing – obwohl es primär Auktionshaus und weniger Kunsthandlung war – Zahlen, d.h. Preise, mit Buchstaben verschlüsselt wurden. Durch die antisemitisch motivierte Verfolgung von Hugo Helbing und seinen Teilhabern und die sogenannte „Abwicklung“ des Geschäfts ist jedoch unbekannt, wo sich die Geschäftsunterlagen des Auktionshauses befinden – wenn sie nicht sogar zerstört wurden. Umso wertvoller sind die Anmerkungen in den Katalogen, die von Mitarbeiter*innen Helbings sowie den Auktionatoren selbst stammen. Von einigen Katalogen existieren sogar zwei oder drei Exemplare, die dieselben Objekte beinhalten, aber von verschiedenen Personen auf unterschiedliche Art annotiert wurden.

Beispielsweise haben wir vom Katalog zur Versteigerung am 26. Oktober 1926, die Hugo Helbing gemeinsam mit dem Berliner Kunstsalon Paul Cassirer veranstaltete, zwei unterschiedlich behandelte Ausgaben: Im sogenannten Protokollkatalog sehen wir lediglich Namen und Zahlen; in einem Exemplar, das Theodor Neustätter (1880-1936), einer der Teilhaber des Auktionshauses Hugo Helbing, annotierte, finden wir dagegen Namen, Zahlen und Buchstabenfolgen. Doch wie kann der Helbing’sche Code geknackt bzw. entschlüsselt werden?

Betrachtet man die beiden unterschiedlich annotierten Exemplare des Auktionskatalogs vom 26. Oktober 1926 (das Exemplar von Theodor Neustätter (TN) und den Protokollkatalog (PR)), so fällt zunächst auf: Im Exemplar TN (Abb. 5) sind meistens rechts und links des Eintrags zu den zu versteigernden Objekten (die auch „Lose“ genannt werden) Zahlen und Namen ohne weitere Bezeichnung zu finden, sowie rechts neben dem Künstler*innennamen eine Buchstabenfolge: RPHE, PHE, DHEH usw.

Abb. 5: Die Sammlung Theodor Schall. Bilder aus Hamburgischem und mitteldeutschem Privatbesitz, Versteigerung 26. Oktober 1926, Kunstsalon Paul Cassirer und Hugo Helbing , Berlin 1926, S. 27 [Deatil] (https://doi.org/10.11588/diglit.49412#0029)

Im Exemplar PR (Abb. 6) sind kaum Notizen auf den Seiten selbst zu finden. Auf eingefügten Seiten sehen wir aber eine Tabelle mit handschriftlichen Notizen, die laut Beschriftung laufende Nummern, „Limit“, „Auftrag“, „Käufer“ und „Zuschlagpreis“ umfassen. Annotationen der Kategorie „Auftrag“ sind sehr unregelmäßig zu finden; Einträge zu den Kategorien „Käufer“ und „Zuschlagpreis“ sehen wir dagegen bei allen Losnummern.

Limitpreise sind hier ebenfalls fast überall zu finden, außer bei den Losnummern 18, 19, 20, 27, 29, 30, 32, 34, 54 und 58. Im Exemplar TN sind die Zahlen und Namen regelmäßig bei allen Losnummern zu finden, die Buchstabenfolgen dagegen fehlen bei den Nummern 18, 19, 20, 27, 29, 30, 32, 34, 54 und 58. Zufall?
Diese Übereinstimmung der lückenhaften Annotationen sowohl im Exemplar TN als auch im Exemplar PR ist zu groß, um rein zufällig zu sein. Der Verdacht liegt also nahe, dass die Buchstabenfolgen im Exemplar TN verschlüsselte Limitpreise sind. Schreibt man nun die Limitpreise aus dem einen Katalog neben die Buchstaben aus dem anderen Katalog, fällt auf, dass einzelne Buchstaben einzelnen Zahlen zugeordnet werden können:

Los Nr.PRTN
11.800RPHE
2800PHE
34.000DHEH
4800PHE
53.500NSHE
6800PHE
75.000S
84.000D
9800P
101.200Rihe

R scheint der Zahl 1 zu entsprechen, P der 8, D der 4, N der 3, S der 5 usw. Die Doppelnull scheint „HE“ zu sein oder wird gar nicht erst abgebildet. Doch wenn man die Buchstaben nach dem Zahlenwert, den sie repräsentieren, sortiert, ergibt sich eindeutig ein Wort: RINDSKOPF.

Abb. 7: Kuh auf rechteckigem Sockel, stehend. Dekor: Streublumen und Blumengewinde in Blau, Eisenrot, Grün und Gelb, Delft, 18. Jahrhundert, Höhe 17 cm, Länge 27 cm, in: Auktion 7. und 8. Mai 1914, Galerie Helbing, München 1914, Los Nr. 165 (https://doi.org/10.11588/diglit.21188#0013)

Die Anforderung an ein Codewort, das Zahlen verschlüsselt, ist klar: Es muss 9 Buchstaben haben, von denen jeder nur einmal vorkommt. Aber warum ausgerechnet „Rindskopf“? Als Hugo Helbing ein Codewort für die geschäftsinterne Verschlüsselung auswählte, mag er an aparte Rindsköpfe aus Keramik (Abb. 7) gedacht haben oder an Milchkühe auf den grünen Wiesen im Münchner Umland.
Wahrscheinlicher erscheint jedoch, dass er an das Alef (א) dachte, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, das einem Rindskopf ähnelt. „Das A ist entstanden aus der ägyptischen Rinderhieroglyphe, die aussah wie ein Rindskopf. […] Weil das A zu dem semitischen Wort für Rind passte, hat man eben die Rinderhieroglyphe genommen“, sagte der Autor Matthias Heine kürzlich in einem Interview.
Es ist demnach plausibel, dass Hugo Helbing, der selbst jüdischer Abstammung war und dem das hebräische Alphabet wahrscheinlich vertraut war, den ersten Buchstaben der Menschheitsgeschichte überhaupt, das Alef, für seinen Buchstabencode wählte. Bestätigen lässt sich diese Vermutung allerdings derzeit nicht, da weder Quellen zum Auktionshaus noch zu Hugo Helbing selbst in nennenswertem Umfang überliefert sind.

123456789 = RINDSKOPF – diese Auflösung des Codes ermöglicht uns, wesentlich tiefer in die Annotationspraxis des Auktionshauses Helbing einzutauchen, seine Preisbildungsstrategien zu erforschen und mehr zur Entstehung von Marktpreisen der häufig hochkarätigen Handelsware Helbings zu erfahren.

Dr. THERESA SEPP ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Projektleiterin des Forschungsprojekts „Unikales Quellenmaterial zum deutschen Kunsthandel: Digitalisierung und Erschließung der Handexemplare der Kataloge des Münchner Auktionshauses Hugo Helbing (1887 bis 1937)“

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